WIE ICH ES SEHE

Wieder Weihnachten

von Redaktion

Das erste Weihnachtsfest, an das ich mich erinnern kann, ist das von 1945. Wir waren als Flüchtlinge aus Berlin im Hause eines Pfarrers in der kleinen Stadt Aurich in Ostfriesland untergekommen. Die streng reformierte und entsprechend kahle Kirche war direkt neben unserer Wohnung. Das Wort: „Friede auf Erden“ hörten alle tief bewegt, denn es war das erste Weihnachtsfest, das wieder im Frieden gefeiert werden konnte. Sechs Kriegsweihnachtsfeste seit 1939 hatten die Erwachsenen durchlebt.

Unter die Besucher dieses Gottesdienstes mischten sich englische Soldaten in ihren Uniformen. Unsere „Besatzer“ waren sympathische, bescheidene junge Männer, die nun das Weihnachtsfest fern von ihren Familien feiern mussten. Als Christen kannten und liebten sie auch dieselben Lieder und vertrauten Melodien wie wir. Das Stille Nacht, Heilige Nacht hatte als Holy Night, Silent Night seinen Siegeszug um die Welt von Salzburg aus angetreten. Umgekehrt haben wir das englische O come, all ye faithful, joyful and triumphant… aus dem Englischen übernommen als: Herbei, o ihr Gläubigen, fröhlich triumphierend, o kommet, o kommet nach Betlehem.

Nun standen diese Tommys neben Deutschen, auf die sie vor einem Jahr noch hatten schießen müssen und auf deren Familien ihr Bombenhagel niedergegangen war. Dass aber die Kraft der Liebe größer ist als der Hass, das überstrahlte alles an diesem Weihnachtsabend. „Welt ging verloren – Christ ward geboren“, das war ein schönes altes Lied und erlebte Realität zugleich in diesem Gottesdienst. In manchen Familien waren die jungen Engländer nach dem Gottesdienst willkommene Gäste. Von großer Bescherung konnte in dieser Zeit der Armut nicht geredet werden. Aber mancher Hausvater war doch bereit, eine lange aufgesparte Flasche zu öffnen an diesem Abend und anzustoßen mit unseren Siegern. Die brachten aus ihrer Kantine zu essen mit und für uns Kinder Schokolade.

Auch am Weihnachtsabend war einmal wieder, wie in dieser Zeit üblich, der Strom ausgefallen. Unser Städtchen lag im Dunkeln, es brannten wenige Kerzen und in unserem Weihnachtszimmer wurde die Klappe des Ofens aufgemacht. Meine Mutter hatte ihn mit viel Geschick beim „Flüchtlingsamt“ ergattert. Nun leuchtete seine Glut wie ein Kamin ins dunkle Zimmer hinein. Das war das erste von 75 Weihnachtsfesten im Frieden, die wir damals jungen Kinder bis heute haben feiern dürfen. Mit immer größerem Wohlstand, in Jugendjahren voller Übermut, im Glück mit Kindern und Enkeln sind die vielen Feste Höhepunkte gewesen im Jahreslauf. Mit der Erinnerung an so manches glänzende Weihnachtszimmer werden Großeltern und Eltern wieder lebendig. Auch die früher berühmten Verlobungen unter dem Weihnachtsbaum, der Kuss unter dem Mistelzweig, gehören zu den glücklichen Erinnerungen. Kein Weihnachtsfest aber hat so viel Geborgenheit ausgestrahlt wie die äußerlich ganz arme Flüchtlingsfeier 1945.

Dass die Welt verloren ging und am Ende gerettet wurde, haben wir damals ganz nah erlebt. Möge dieses Wissen uns auch an diesem Weihnachtsfest wieder vereinen.

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VON DIRK IPPEN

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