„Das ist eine Kriegserklärung der USA“

von Redaktion

München – General Ghassem Soleimani war ein mächtiger Mann im Iran und im ganzen Mittleren Osten. Sein Tod ist ein heftiger Schlag für Teheran. Iran-Experte Adnan Tabatabai vom Bonner CARPO-Institut erklärt, welche Konsequenzen nun drohen.

Herr Tabatabai, wie bewerten Sie die Tötung Soleimanis durch die USA?

Das ist eine Kriegserklärung der USA. Es war ja keine verdeckte Operation in irgendeiner Kampfhandlung, sondern eine ganz gezielte Tötung. Damit haben die Amerikaner ein klares Signal an Teheran gesendet. Und im Übrigen auch an Bagdad, weil ja auch ein irakischer Kommandeur und einige seiner Leute ums Leben kamen.

Ist ein offener Krieg zwischen den hochgerüsteten USA und dem Iran jetzt unausweichlich?

Die USA haben eine rote Linie überschritten, jetzt werden auch die Iraner eine überschreiten. Sie werden es auf das Leben amerikanischer Truppen absehen und da gibt es in iranischer Reichweite einige. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten, Vergeltung zu üben: Cyberangriffe, Aktionen gegen US-Verbündete in der Region. Ein offener Krieg mit Invasion und so weiter ist noch mal ein anderes Level. Der Iran ist den USA militärisch weit unterlegen.

Wahrscheinlich steht Israel auf der Liste der potenziellen Ziele weit oben…

Möglich. Der Iran wird sich jetzt genau anschauen, wie sich US-Verbündete in der Region positionieren. Dazu gehört natürlich Israel, das in General Soleimani eine riesige Bedrohung gesehen hat. Dazu gehören aber auch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, wo US-Truppen stationiert sind. Bisher verhalten sich diese Staaten noch sehr ruhig.

Die ganze Region hängt also in dem Schlamassel drin. Sind die Konsequenzen des US-Schlags noch kontrollierbar?

Es ist ein Riesenproblem, dass man es nicht nur mit zwei Regierungen zu tun hat, sondern unter anderem auch mit einem Spektrum an bewaffneten Truppen, die ihrerseits Vergeltung üben wollen – etwa schiitische Milizen im Irak. Das macht die ganze Sache so gefährlich.

Warum war Soleimani im Iran so wichtig?

Er gilt als Chefstratege des Irans im Mittleren Osten, der die Verbindungen zu befreundeten Milizen im Ausland unterhielt und die Abschreckungskapazitäten Irans organisierte, etwa das Raketenprogramm. Im Iran war er ein hochgeschätzter Mann. Innenpolitisch hatte er aber keine Kompetenzen.

Im Westen galt er als Terrorist, der auch in Nachbarstaaten gezielt zündelte. Welche Schuld trägt Teheran an der aktuellen Eskalation?

Natürlich schaukeln sich die Spannungen seit Langem hoch, keine Seite ist unschuldig. Aber was wir jetzt sehen, ist eine Konsequenz der Politik Donald Trumps. Er hat das Atomabkommen von 2015, das das Verhältnis zum Iran stabilisieren sollte, zerschlagen.

Könnte es sein, dass Soleimanis Tod die Hardliner im Iran stärkt?

Natürlich. Wenn die USA mit ihrer Politik des maximalen Drucks das Ziel verfolgt haben, die politische Führung in Teheran zu schwächen, ist das nun grandios gescheitert.

Kann Europa helfen oder ist es aus iranischer Sicht kein glaubhafter Krisen-Vermittler mehr?

Die Bedeutung Europas für den Iran hat drastisch abgenommen, weil es beim Erhalt des Atomabkommens aus Sicht Teherans nicht geliefert hat. Seine Einflussmöglichkeiten sind sehr begrenzt.

Interview: Marcus Mäckler

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