Erbil/Berlin – Die Raketen sind noch nicht mal in der Luft, da heulen im „Camp Stephen“ die Sirenen. In der Nacht eilen die Soldaten in speziell gesicherte Schutzbauten, ein oft geübter Drill. Als die iranischen Geschosse an anderen Stellen im Nordirak einschlagen, sind die Deutschen in Sicherheit. Er sei beeindruckt, wie professionell und wie schnell seine Leute reagiert hätten, sagt Oberst Jörg Wellbrink hinterher. Er ist dankbar für eine offenbar präzise Vorwarnung: „Wir sind durch unsere internationalen Partner über einen bevorstehenden indirekten Beschuss alarmiert worden.“
Der Oberst, Chef von rund 100 deutschen Soldaten, hat damit den bisher größten Ernstfall überstanden. „Meine Soldaten sind alle wohlauf und nutzen aktuell die Zeit, um sich zu regenerieren“, berichtet er. Den Militärexperten vor Ort ist bewusst: Dass es keine Toten in der Raketennacht gab, ist kein Wunder, sondern beabsichtigt. Militärexperten weisen darauf hin, dass der Iran mitnichten das Spektrum seiner Fähigkeiten eingesetzt hat. Die Angriffe wären demnach mehr als symbolisch, aber doch am unteren Ende der möglichen Eskalation.
Das multinationale Camp, geführt von der Bundeswehr, ist das Zentrum des deutschen Ausbildungseinsatzes für die irakischen Kurden. Auch wenn das Camp nicht unmittelbar angegriffen wurde, wird in der Bundespolitik nun über einen Abzug aller Soldaten diskutiert. Eigentlich gilt der Nordirak bisher als sicher; das Kurdengebiet um Erbil hat sich sogar zu einer modernen Stadt entwickelt, mit Restaurants, Bürogebäuden, Hotels und bewässerten Grünflächen. Für Deutschland ist Erbil in vielerlei Hinsicht ein Tor zum Irak: Es gibt die Deutsche Schule Erbil, das Goethe-Institut Irak, mehrere Austauschbüros. Steht all das nun in Frage?
Ein vollständiger Abzug der Soldaten gilt den deutschen Militärplanern bisher – anders als zuvor im Zentralirak –- nicht als erste Option. Im Verteidigungsministerium liefen nach Informationen der dpa Planungen dafür, rund die Hälfte der gut 100 im Raum Erbil eingesetzten Männer und Frauen abzuziehen. Auch das sei keine Reaktion auf die Raketennacht, sondern erfolge auf Basis gemeinsamer Schritte der Anti-IS-Koalition. „Wir haben mit der internationalen Koalition sowieso vereinbart, dass alle Kräfte, die nicht benötigt werden, keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden“, sagt Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU).
Heute werden sich der Verteidigungsausschuss und der Auswärtige Ausschuss im Bundestag in Sondersitzungen mit der Lage im Irak befassen. Grüne und Linke fordern einen kompletten Abzug. FDP-Verteidigungspolitiker Alexander Müller widerspricht nach „offenbar fast folgenlosen Anschlägen der letzten Nacht“: „In der Provinz Kurdistan gibt es keine Aktivitäten von Iran-treuen Milizen, wie PMF, Hisbollah oder Al-Kuds-Brigaden, die im südlichen und westlichen Irak unterwegs sind.“ Es sei vertretbar, die Ausbildung dort weiterlaufen zu lassen.
Der Ruf nach einem Abzug kommt indes auch aus der Kirche. Militärbischof Sigurd Rink sagte dem Evangelischen Pressedienst, er sei sehr froh, dass wenigstens die deutschen Kontingente aus Tadschi und aus Bagdad in Sicherheit gebracht worden seien. „Ich hoffe, dass das auch für das Kontingent in Erbil passieren wird.“ Die Lage sei auch für die Familien zu Hause sehr schwierig.