Es war ein gewagter und überraschender Gegenschlag, den die Iraner in der Nacht vom 7. auf den 8. Januar ausgeübt haben. Westliche Strategen waren der Überzeugung, Teheran würde eher eine asymmetrische Antwort auf die gezielte Tötung von General Qasem Soleimani geben. Irgendwo auf der Welt würde eine der von Soleimanis Kuds-Einheit unterstützten Terrormilizen amerikanische Ziele angreifen. Ein direkter Angriff auf die US-Streitkräfte durch Einheiten des iranischen Militärs wäre zu gefährlich.
Iran-Experten hingegen waren der festen Überzeugung, dass ein Gegenschlag während der vom Schia-Islam vorgeschriebenen Trauerzeit von 40 Tagen ausgeschlossen sei. Aber auf Anweisung des Obersten Religionsführers, Ajatollah Ali Chamenei, wurden nun mehrere Raketen auf US-Stützpunkte in den Irak abgefeuert.
Trumps Entscheidung, Soleimani zu töten, war ebenfalls gewagt. Seine beiden Amtsvorgänger hatten bereits über einen solchen Schritt nachgedacht, lehnten ihn dann aber als zu provokativ ab. Doch Trump handelte konsequent. Aus seiner Sicht hatte er genügend Grund dazu: Er war verärgert über die Tötung zweier im Irak arbeitender Amerikaner durch einen Raketenabschuss am 27. Dezember. Er wollte die von der Kuds-Einheit unterstützten Angriffe auf die US-Botschaft in Bagdad nicht mehr hinnehmen. Er wollte der Kritik an seiner Zurückhaltung nach dem iranischen Angriff auf Ölfelder in Saudi-Arabien im vergangenen September entgegenwirken. Und natürlich wollte er vom anlaufenden Amtsenthebungsverfahren ablenken.
Niemand im Westen sollte um Soleimani trauern. Er war ein Verbrecher und für die Tötung etlicher Amerikaner und Europäer, aber auch von Menschen im Nahen Osten und Afrika verantwortlich. Doch ist eine emotionale Kühnheit kein Ersatz für eine kluge Strategie. Wenn Trumps Entschlossenheit zu irgendeinem Erfolg führen soll, müssten erst klare Ziele definiert werden. Aber der Präsident ist inzwischen nur noch von unerfahrenen und zum Teil endzeitfantasierenden Beratern umkreist. Eine klare Strategie ist weder erkennbar noch zu erwarten.
Und selbst wenn der Präsident einen Mann vom Format Henry Kissingers finden würde, ist er zu wenig diszipliniert und geduldig, um an einer neuen Ordnung für diese Ecke der Welt zu arbeiten. Vielmehr verwirrt Trump durch seine ständigen Kurswechsel Freund und Feind zugleich. Der Kontrast zu Teherans Politik ist stark. Die iranischen Raketen scheinen alle ihre Ziele knapp verfehlt zu haben. Reiner Zufall? Ich glaube nicht. Durch einen Akt der Rache wahrt die Regierung ihr Gesicht vor der eigenen Bevölkerung. Da aber keine US-Soldaten getroffen wurden, vermeidet Teheran eine sichere Eskalation seitens Washingtons. Gleichzeitig werden die Stimmen für den Rückzug der Amerikaner aus dem Irak sowohl in Bagdad als auch in Washington nach den iranischen Attacken lauter. Das steht ja alles im Einklang mit dem langjährigen Ziel, die Amerikaner aus der Region zu vertreiben. In der Tat scheinen die Iraner den Amerikanern in der Strategie überlegen.
Der in München lebende US-Amerikaner Prof. James W. Davis lehrt Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen und schreibt in unserer Zeitung regelmäßig über die deutsch-amerikanischen Beziehungen.