Ditib-Moscheen bilden erstmals Imame in Deutschland aus

von Redaktion

Innenministerium begrüßt neue Akademie des Türkischen Gemeindeverbandes als „wichtigen Schritt“

München – Vor neun Jahren stand die Islamische Gemeinde Penzberg noch unter Beobachtung des bayerischen Verfassungsschutzes. Von engen Kontakten zur als islamistisch geltenden Bewegung Milli Görüs war die Rede. Heute gilt die von Imam Benjamin Idriz geführte Moscheegemeinde als entlastet, sogar als bundesweites Vorbild für gesellschaftliches Miteinander. Im Dezember 2019 war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Gast. Was er damals sah, „müssen wir uns für Deutschland wünschen“, sagte er.

Weniger innig waren zuletzt die Beziehungen der deutschen Politik zum türkischen Moschee-Verband Ditib. Das Verhältnis war schlagartig abgekühlt, als 2016 Ditib-Imame in den Verdacht gerieten, vermeintliche Gegner des türkischen Präsidenten in Deutschland auszuspionieren. Die Eröffnung eines Ausbildungszentrums für Imame im nordrhein-westfälischen Dahlem am Donnerstag sorgt nun für eine vorsichtige Annäherung.

Das Innenministerium wertete die Pläne als wichtigen Schritt. „Damit werden erste Voraussetzungen geschaffen, damit vermehrt Personal aus Deutschland in Ditib-Gemeinden eingestellt werden kann“, sagt der für Religionsfragen zuständige Staatssekretär Markus Kerber.

Zugleich mahnte Kerber mehr Autonomie der Ditib an. Ein zu starker Einfluss des türkischen Staates gehörte in den letzten Jahren zu den wesentlichen Kritikpunkten an dem Verband. Die Imame der über 850 Ditib-Gemeinden in Deutschland werden von der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet entsandt. Nach Angaben von Ditib sind derzeit nur 110 ihrer 1100 Imame in Deutschland aufgewachsen. Dieses Verhältnis soll sich in Zukunft ändern. Die ersten 22 Religionsbeauftragten sollen jetzt in Dahlem nach Abschluss ihres Theologie-Studiums die praktische Anwendung ihres Wissens für die Gemeindearbeit lernen. Predigen, Seelsorge, Religionspädagogik, Koranrezitation und die Anwendung des islamischen Rechts stehen auf dem Lehrplan.

Der Penzberger Imam Benjamin Idriz, dessen Gemeinde nicht zu Ditib gehört, begrüßt die Initiative. „Junge Muslime, teils der vierten und fünften Generation, erwarten auch, dass ihre Imame ihre Sprache, ihre Lebenswirklichkeit verstehen.“

Manchmal aber würden von Politikern überzogene Erwartungen an die Gemeinden herangetragen. „Dass dort nur noch auf Deutsch gepredigt werden soll, stößt auf Unverständnis.“ Dazu müssten auch erst die Bedingungen geschaffen werden. Lehrstühle für islamische Theologie alleine würden nicht reichen. Es bräuchte auch Unterstützung für den Aufbau von Zentren zur praktischen Ausbildung.

Mathias Rohe, Professor an der Universität Erlangen, hat 2018 die Studie „Islam in Bayern“ veröffentlicht. Er sagt, Imame hätten gerade in Deutschland für ihre Gemeindemitglieder eine wichtige soziale Funktion. Hätten sie einen Bezug zur Mehrheitsgesellschaft, könnten sie auch stärker zur Integration beitragen. „Für die Ausbildung brauchen wir so etwas wie die katholischen Priesterseminare oder die evangelischen Vikariate“, regt er daher an.

Aus dem bayerischen Kultusministerium heißt es dazu, eine einheitliche Imam-Ausbildung könne man nicht verordnen, sondern nur auf Grundlage von Vereinbarungen voranbringen. Dafür seien keine Verhandlungspartner in Sicht.  sr/epd/kna

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