Kreuth – Reden zur „Lage der Nation“ halten sonst nur Staatschefs. Es ist schon ein sehr selbstbewusster Titel, unter dem Friedrich Merz (CDU) nun am Tegernsee auftritt, um sich erneut mit Wucht in die Bundespolitik einzubringen. „Zehn Thesen zur Lage der Nation“ trägt der ehemalige Unionsfraktionschef, derzeit ohne Mandat und bedeutendes Amt, überzeugt vor – und scheint den Applaus zu genießen.
Merz reiht sich ein in die Elite der Wirtschaftsbosse und Spitzenpolitiker, die auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee sprechen oder, wie Jens Spahn, per Video zugeschaltet werden. Merz’ Vorschlag, mehr Diskussionen im Parlament zuzulassen und nicht jedes Detail sofort im Koalitionsvertrag festzulegen, kommt an. Er fordert, Regulierungen nicht nur zu ändern, sondern auch mal abzuschaffen. Nach seinem Vortrag drängeln Medienvertreter um ein paar exklusive Antworten vom Stargast. Besonders interessant: Will er selbst Kanzler werden?
Umfrage-Institute sehen ihn seit Längerem vorn. Er selbst sagt am Rande des Gipfels: „Wir müssen mit der bestmöglichen Formation in die nächste Bundestagswahl gehen. Das ist nicht nur eine Person an der Spitze, das ist eine Mannschaft, und ich möchte auch in einer Mannschaft dabei sein.“ Diese Frage müsse jedoch auch erst beantwortet werden, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen sei, „und das ist vielleicht Ende des Jahres, aber das ist sicher nicht heute“. Damit hat er den gleichen Zeitraum im Blick wie Kramp-Karrenbauer, um die Personaldebatte auch offiziell in der CDU ankommen zu lassen.
Die CSU hätte es gern früher. Dass die Entscheidung „nicht im Januar“ gefällt werde, betont auch Markus Söder. Der CSU-Chef macht seit Tagen immer wieder Wirbel um eine Kabinettsumbildung in der Großen Koalition. Er will aber nicht nach Berlin: „Mein Platz ist in Bayern“, bekräftigt er per Video-Schalte in Großformat auf Leinwand.
Zu diesem wundersamen Freitag passt, dass sich im Fernsehsender ntv ein gut bekannter Exilant mit Spott zur K-Frage zu Wort meldet. Vor Ironie triefend sagt Karl-Theodor zu Guttenberg in die Kamera, die Union habe ja „unfassbare Begabungen da draußen, charismatisch, mutig, Lichtgestalten, wo man hinschaut“. Und ernsthafter fügt er an: „Wir haben die Endlichkeit einer hochverdienten Kanzlerin.“ Jetzt brauche man Typen: „Da sehe ich momentan vielleicht nur einen, das ist Friedrich Merz.“ Bei den anderen gelte: „Viele halten sich für hochbegabt. Als Wähler bin ich nicht aus den Socken gehauen.“
Namentlich greift sich zu Guttenberg, der frühere Verteidigungsminister, seinen CSU-Vorsitzenden heraus. Ob Söder Kanzler sein könne? „Der muss jetzt erst mal Ministerpräsident können. Da hat er ein paar Sachen ganz gut angeschoben. Aber dann gleich den Sprung auf die nächste Ebene, das kommt zu früh.“ Merz habe den Vorteil, dass er auch mal etwas außerhalb der Politik gemacht habe. Im Übrigen nannte er Söders Pläne zur Kabinettsumbildung in Berlin „bodenlos langweilig“.
Guttenberg zeigt sich auf Bundesebene offen für eine schwarz-grüne Koalition – für ein Bündnis mit der FDP reiche es ja wohl kaum. Eine eigene Rückkehr in die Politik schließt der 48-Jährige weiterhin aus: „Keine Lust.“
Auch FDP-Chef Christian Lindner hat am Tegernsee etwas zur Debatte beizutragen: Erst wollte er sich zwar nicht festlegen, ob Merz, Armin Laschet oder Kramp-Karrenbauer nun der oder die Richtige sei. Doch zu Merz ergänzte er: „Ein Marktwirtschaftler an der Spitze der Union, das wäre ja mal eine Nachricht.“