Womöglich haben sie im Bundespräsidialamt ja selbst ein schlechtes Gewissen. Dass Frank-Walter Steinmeier kommende Woche den eben abgetretenen EZB-Chef Mario Draghi mit dem Bundesverdienstkreuz ehrt, wurde gestern jedenfalls nur durch einen verschämten Eintrag in den Terminkalender des Bundespräsidenten bekannt. Vielleicht versuchte man so, sich den zu erwartenden Shitstorm zu ersparen. Es wird nichts nützen.
Ja, aus europäischer Sicht, vor allem aus Sicht der Krisenstaaten in Südeuropa, mag die Zinspolitik Draghis durchaus verdienstvoll gewesen sein. Den Krisenländern verschaffte er damals Luft zum Atmen, die dann aber leider nicht alle für die eigentlich notwendigen Reformen nutzten. Inzwischen sind die Negativzinsen so drückend, dass sie von den Banken schon an deutsche Sparer weitergereicht werden. Die private Altersvorsorge steckt in der Krise, Lebensversicherungen sind deutlich weniger wert. Die Flucht der Anleger in Immobilien hat massive Auswirkungen auf die Lebenshaltungskosten in den Städten.
Diesen immensen Preis für seine Euro-Rettung hat Dra-ghi in Kauf genommen. In der europäischen Abwägung mag er das so vertreten können. Aber dass ihn ausgerechnet Deutschland dafür ehrt, wird vielen bitter aufstoßen.
Mike.Schier@ovb.net