Hamburg – Keine deutsche Großstadt ist weiter von München entfernt als Hamburg, doch am 23. Februar werden die Hanseaten den Oberbayern ganz nah sein. Die Bürgerschaftswahl verfolgen sie auch im Süden aufmerksam. Denn die Konstellation in Hamburg ist der in München nicht unähnlich: Aktuell ist eine SPD-geführte Regierung an der Macht, doch in Kürze könnte der kleine grüne Koalitionspartner das Ruder übernehmen und Katharina Fegebank zur Regierungschefin machen. Fast so wie in der rot-schwarz regierten bayerischen Stadt, wo Katrin Habenschaden mit Optimismus auf den Wahltermin am 15. März blickt.
In Sonntagsfragen liegen SPD und Grüne nahezu gleichauf bei knapp unter 30 Prozent – mit deutlichem Abstand zu den anderen in der Bürgerschaft vertretenen Parteien. Der Fortbestand von Rot-Grün (in welcher Reihenfolge auch immer) ist trotz deutlicher Mehrheit aber fraglich, denn auch eine SPD-geführte Deutschlandkoalition oder ein grün geführtes Jamaika-Bündnis – jeweils mit CDU und FDP – wären möglich. Zumindest rechnerisch.
In der politischen Praxis hat Grünen-Spitzenkandidatin Fegebank schon früh ihre Präferenz für die SPD bekundet, hält sich aber auch andere Farbkombinationen offen. „Ausschließeritis“ sei in diesen Zeiten keine gute Strategie. Die Situation sei „unglaublich spannend“: „Hamburg hat eine echte Wahl.“
Der Aufschwung der Grünen in der Hansestadt kann es mit dem der Bundespartei aufnehmen. Das Ergebnis der Bürgerschaftswahl von 2015, als sie 12,3 Prozent der Stimmen holten, werden sie diesmal mehr als verdoppeln. Fegebank (42) ist das Gesicht zu dieser Erfolgsgeschichte.
Die Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin bezeichnet sich als „Generalistin“, als Frau für die großen Linien. Während der amtierende Erste Bürgermeister Peter Tschentscher betont bodenständig und realistisch auftritt und sich blumige Visionen konsequent verkneift, denkt seine Konkurrentin gerne mal eine Nummer größer. Vergangenen Sonntag, auf einer Podiumsdiskussion der beiden, war das sehr anschaulich zu beobachten. Für Hamburgs City schwebt den Grünen vor, Autos weitgehend zu verbannen, um die Lebensqualität zu steigern. Fegebank, seit 2018 Mutter von Zwillingen, wünscht sich stattdessen mehr Grünflächen und Spielplätze.
Der innerstädtische Verkehr ist für die Spitzenkandidatin ein zwiespältiges Thema. Sie betont ihre Liebe zum Zweirad und möchte Hamburg als Fahrradstadt stärken – einerseits. Andererseits sträuben sich den Parteistrategen die Haare, wenn sie freimütig berichtet, wie gerne sie im Ferrari ihres Lebensgefährten unterwegs ist.
Intern wird die Selbstdarstellung Fegebanks, die den zahlreichen Blitzlichtveranstaltungen alles andere als abgeneigt ist, gelegentlich als verbesserungsfähig bezeichnet. Manchmal klingt sie einen Tick zu euphorisch, manchmal, so heißt es, würde auch ein bisschen mehr Detailkenntnis nicht schaden. Gleichwohl muss das kein Widerspruch sein zu ihrem Selbstverständnis als Generalistin. Um die Einzelheiten kümmern sich dann die Experten.
Mit ihrer zupackenden Art scheint Fegebank jedenfalls einen Nerv in der Hansestadt getroffen zu haben. Amtsinhaber Tschentscher ahnt, dass das Rennen sehr eng werden dürfte. Der Mann, dessen Vorgänger Olaf Scholz noch ein Wahlergebnis von 46 Prozent erzielte, warnt vor „abenteuerlichen Bündnissen“ und nennt die Fortsetzung der Koalition mit den Grünen eine „naheliegende Option“. Man kennt sich, man schätzt sich.
Tschentscher macht aber eine wichtige Einschränkung: Weitergehen wie bisher kann es nur unter seiner Führung. Seinen eigenen Verbleib im Senat unter einer grünen Chefin schließt er für sich aus.