Jerusalem – Vor seiner historischen Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Verantwortung der Deutschen im Kampf gegen heutigen Antisemitismus betont. Nach einem Gespräch mit Überlebenden des Holocaust sagte er in Jerusalem, diese hätten nicht nur an ihre Schicksale erinnert. „Sie haben auch gemahnt an unsere Verantwortung, nicht nur zurückzuschauen auf eine schreckliche Vergangenheit, sondern die Verantwortung im Heute auch im Eintreten gegen Antisemitismus zu erkennen.“
Der Bundespräsident war am Mittag mit seiner Frau Elke Büdenbender zu einem zweitägigen Besuch in Israel eingetroffen. Dort will er heute zusammen mit rund 50 weiteren Staatsgästen aus aller Welt am internationalen Holocaust-Gedenken in Yad Vashem teilnehmen. Nach Angaben des israelischen Außenministeriums handelt es sich um das größte Staatsereignis seit der Gründung Israels 1948.
Am Montag, 27. Januar, jährt sich zum 75. Mal die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz im von Hitler-Deutschland besetzten Polen. Aus diesem Anlass kommen unter anderem die Präsidenten Frankreichs und Russlands, Emmanuel Macron und Wladimir Putin, US-Vizepräsident Mike Pence und der britische Thronfolger Prinz Charles nach Jerusalem zu der Großveranstaltung „An den Holocaust erinnern, Antisemitismus bekämpfen“.
Israels Präsident Reuven Rivlin rief vor Beginn des Holocaust-Forums zum weltweiten Kampf gegen Antisemitismus auf. „Ich hoffe und bete, dass von diesem Raum die Nachricht an jedes Land auf der Welt ausgeht, dass die Staatsführer dieser Welt im Kampf gegen Rassismus und Extremismus zusammenstehen werden“, sagte er bei einem Abendessen mit Dutzenden Staatsgästen. Zu einer Zeit, zu der mehr und mehr Holocaust-Überlebende sterben würden, sei das Treffen „Ausdruck unserer gemeinsamen Engagements, die historischen Fakten und Lehren der Shoah an die nächste Generation weiterzugeben“.
Steinmeier war zuvor von Rivlin begrüßt worden. Beide führten ein erstes Gespräch. Der Bundespräsident schrieb ins Gästebuch: „Mit Dankbarkeit und Demut ergreife ich die Hand, die meinem Land und mir mit der Einladung zum World Holocaust Forum als Zeichen der Versöhnung gereicht wird.“ Steinmeier und Rivlin wollen am Montag auch am Gedenken in Auschwitz teilnehmen und von dort aus gemeinsam in einer Maschine der deutschen Flugbereitschaft nach Berlin fliegen. Am Mittwoch sprechen beide im Bundestag.
Wie Steinmeier reisten die meisten Staatsgäste schon gestern an. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu traf in Jerusalem den französischen Präsidenten Emmanuel Macron und rief ihn zur Unterstützung von Sanktionen gegen den Iran auf. Macron sagte bei einem Statement mit Rivlin, Frankreich werde sich weiterhin dafür einsetzen, dass der Iran niemals Atomwaffen erwirbt. Macron betonte außerdem, dass sich „der schwarze Schatten“ des Antisemitismus ausbreite.
Steinmeier will mit seinen Besuchen in Israel und Polen nach Darstellung des Bundespräsidialamts die bleibende Verantwortung Deutschlands für den millionenfachen Mord an Juden zum Ausdruck bringen – und das bewusst gegen alle Forderungen, endlich einen Schlussstrich zu ziehen.