Athen – Dem Funkanruf folgte zunächst die Funkstille. „Sie befinden sich innerhalb des griechischen Festlandsockels. Haben Sie ein Problem?“, fragte am Freitagmorgen der Kapitän des griechischen Kanonenbootes „Nikiforos Fokas“ das vor ihm im östlichen Mittelmeer liegende türkische Forschungsschiff „Oruc Reis“. Keine Reaktion der Türken. „Sie haben keine Genehmigung für Forschungen! Verlassen Sie sofort die griechischen Gewässer!“ Erst dann ist der türkische Kapitän zu hören: „Ich befinde mich in der türkischen Wirtschaftszone.“ Die Griechen kontern: „Sie befinden sich innerhalb des griechischen Festlandsockels! Sie haben keine Genehmigung für Forschungen! Verlassen Sie sofort die griechischen Gewässer! Das ist die letzte Warnung!“
Es war nicht die letzte Warnung. Alle dreißig Minuten wiederholte die „Nikiforos Fokas“ ihre Aufforderung. Erst Stunden später bewegte sich das türkische Forschungsschiff wieder gen Osten. Ganz langsam.
Der Festlandsockel – also der Meeresgrund außerhalb des Küstengewässers bis zu einer Meerestiefe von 200 Metern – gehört nicht zum Staatsgebiet. Doch der Küstenstaat hat dort nach dem Völkerrecht die alleinige Befugnis zur Ausbeutung des Meeresgrundes – beispielsweise durch Öl- und Gasbohrungen. Dafür hat der jeweilige Küstenstaat aber im betreffenden Gebiet die Errichtung einer Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) zu erklären. Und das hat Griechenland vor Kreta nicht getan – so die türkische Lesart.
Im sich zuspitzenden Erdgas-Streit fiel diesmal kein Schuss, es gab keine Kollision, es kam nicht zur Eskalation. Dennoch schlägt der Vorfall mit der „Oruc Reis“ am 31. Januar hohe Wellen in Athen. Erinnerungen werden wach – an den 31. Januar 1996.
Damals hatte die Türkei in einer nächtlichen Kommandooperation eine der beiden unbewohnten Imia-Inseln in der Ost-Ägäis durch eine militärische Einheit besetzen lassen. Ein Hubschrauber der griechischen Marine stürzte noch in der Nacht bei einem Beobachtungsflug über Imia ab. Alle drei Insassen starben.
Die griechische Seite machte dafür inoffiziell türkischen Beschuss verantwortlich. Offiziell schwieg man, um die angespannte Lage nicht noch weiter anzuheizen. Ein Krieg unter den Nato-Partnern wurde damals gerade noch verhindert.
Doch zuletzt haben die Spannungen wieder stark zugenommen. Auslöser ist ein Ende November abgeschlossenes bilaterales Abkommen zwischen der Türkei und der Regierung in Libyen. Es sieht eine gemeinsame Seegrenze zwischen der Türkei und Libyen vor.
In Athen löste das Abkommen Empörung aus. Die Türkei mache illegal Ansprüche auf Seegebiete geltend, in denen große Vorkommen an Erdöl und Erdgas vermutet werden, heißt es in Athen. Wer ohne Genehmigung in griechische Gewässer eindringe, müsse diese sofort verlassen.
Seither ist die Anzahl der Scheingefechte zwischen griechischen und türkischen Kampfflugzeugen über dem östlichen Mittelmeer in die Höhe geschnellt. Der Ablauf ist immer derselbe: Türkische Kampfjets dringen in den griechischen Luftraum ein – und werden von griechischen Kampfjets in meist gefährlichen Manövern abgedrängt. Der Vorfall mit der „Oruc Reis“ ist aber ein Novum, weil es sich nicht um ein Kriegsschiff, sondern um ein Forschungsschiff handelt, das dem türkischen Ministerium für Energie und Bodenschätze untersteht.
Offiziell versucht Griechenland zwar den Vorfall herunterzuspielen. Doch ein Regierungssprecher macht auch deutlich: „Griechenland ist bereit, seine souveränen Rechte zu verteidigen.“ Dass Athen es ernst meint, belegt auch der jüngste Besuch von Premier Kyriakos Mitsotakis bei Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Dabei unterstrich er den Willen seines Landes, zwei hypermoderne Fregatten des Typs Belharra zu erwerben.