München – Er sprach über Energiepolitik und die Grünen, den Brexit und das Verhältnis zwischen der EU und China. Es war nicht weniger als das volle Programm, das Friedrich Merz am Montagabend in der Stadthalle von Verden auf Einladung der CDU-Mittelstandsvereinigung behandelte. Man hätte es auch für eine Wahlkampfrede halten können. Das Publikum hörte jedenfalls genau hin, welche Rolle der Mann, der in dieser Frage noch immer nicht konkret geworden ist, für sich künftig in der Politik sieht. Als Merz von seiner persönlichen „Triebfeder“ sprach, die genau darin bestehe, „an dieser neuen Epoche mitzuarbeiten“, da klang das schon einigermaßen eindeutig.
Es ging aber noch klarer. Ganz am Ende des Abends, als die rund 1000 Zuschauer noch einige Fragen loswerden konnten, erkundigte sich ein Mann, ob er damit rechnen könne, dass Merz in der nächsten Legislaturperiode ein Kollege des örtlichen CDU-Bundestagsabgeordneten sein werde. Der prominente Gast antwortete mit einem unmissverständlichen Ja. Er erntete viel Beifall, und der Moderator konstatierte: „Eine klare Antwort.“
Mehr als zehn Jahre ist es her, dass der frühere Unionsfraktionsvorsitzende den Bundestag verließ, zermürbt von unendlichen Differenzen mit Angela Merkel. Die Kanzlerin wird sich im nächsten Jahr zurückziehen, die Bahn wäre somit frei für den heute 64-Jährigen. Dass seine Ambitionen immer noch beträchtlich sind, deutete schon seine Kandidatur für den Parteivorsitz an, den er vor 14 Monaten knapp verfehlte. In den Bundestag zurückzukehren, wäre ein logischer Schritt.
Weil die Union aber Personaldebatten um jeden Preis vermeiden und vor allem die K-Frage noch eine Weile offenlassen will, kommt das Ja-Wort von Verden auch denkbar ungelegen. Wie zur Bestätigung dafür, welche Wellen so eine vollmundige Ansage zwangsläufig schlägt, setzte kurz nach Ende der Veranstaltung der Chef der konservativen Werteunion, Alexander Mitsch, einen Tweet ab, Merz habe soeben seine Kandidatur für den Bundestag angekündigt: „Das macht Hoffnung für den nächsten Kanzlerkandidaten der Union.“ Noch am selben Abend versuchte Merz’ Sprecher, die Geschichte mittels einer Richtigstellung einzufangen. Sollte Merz „noch mal ganz in die Politik“ zurückkehren, werde er sich für ein Mandat bewerben. Aber eben nur dann.
Diese Darstellung hat freilich einen Haken. Seit er den Hut für den Parteivorsitz in den Ring geworfen hat, wirkt der Sauerländer eigentlich permanent so, als sei er wieder vollständig in den Politikbetrieb eingestiegen. Er ist im ganzen Land unterwegs, kommuniziert auf den einschlägigen Kanälen mit der Basis und äußert sich zu den drängendsten Themen. In Verden arbeitete sich Merz am Montag eifrig an den Grünen ab, die er nicht als Partner von morgen sieht, sondern als „den härtesten Gegner von heute“. Auf Twitter übte er dazu Kritik an der Energiepolitik der Großen Koalition: „Deutschland steigt gleichzeitig aus der Kernenergie und aus der Braunkohle und der Steinkohle aus. Diese Energiewende gleicht für mich einer Operation am offenen Herzen – ohne Narkose.“
So klingt keiner, der für sich erst noch in Ruhe überlegen muss, ob seine Zukunft überhaupt in der Politik liegt. Einen ähnlichen Eindruck schien auch das Publikum in Verden zu haben. Im Anschluss an die Frage zum Bundestag sollte sich Merz auch noch zu einer Kandidatur als Kanzler äußern. Das ging ihm dann aber doch zu weit: „Alle anderen Fragen werden später beantwortet.“ MARC BEYER