Spontaner Jubel, dann Nachdenken, jetzt völlige Distanzierung: Bayerns FDP hat ein bisschen gebraucht, um sich eine Meinung über die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen zu bilden. Wir haben am Donnerstag mit Fraktionschef Martin Hagen (39) aus Baldham (Landkreis Ebersberg) gesprochen.
Herr Hagen, hatten Sie eine sehr unruhige Nacht?
Ich habe sehr wenig geschlafen und habe viel nachgedacht über die Situation in Thüringen. Ich bin in der Bewertung klarer geworden als gestern: Thomas Kemmerich hätte diese Wahl niemals annehmen dürfen. Er dient der FDP, wenn er sein Amt zeitnah niederlegt.
Sie hätten doch in dem Moment die Wahl auch verdutzt angenommen.
Ich hoffe nicht. In diese Situation kann man sich von außen natürlich schwer reinversetzen. Aber mit kühlem Kopf muss man als liberaler Politiker wissen, dass man sich niemals von Rechtsradikalen in ein Amt wählen lässt.
Sie haben am Mittwoch zunächst spontan ein Jubel-Foto gepostet.
Meine spontane Reaktion auf die Nachricht, Thomas Kemmerich sei Ministerpräsident geworden, war ungläubiges Staunen, dann Freude. Ich habe erst wenige Minuten später den Hintergrund dieses Wahlergebnisses realisiert, woher die Mehrheit kam – und habe das Foto mit den Glückwünschen ganz schnell zurückgenommen.
Reihum haben sich FDP-Größen in den letzten 24 Stunden gegen Kemmerich gestellt, als Letzter erst Christian Lindner. Warum so spät?
Christian Lindner hat das persönliche Gespräch mit Kemmerich gesucht. Das hat ja auch gefruchtet. Die Partei hat das erwartet. Wir haben bald eine Kommunalwahl in Bayern und die Bürgerschaftswahl in Hamburg – die Wähler müssen wissen, wofür die FDP steht. Meine Aussage ist klar: keine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit der AfD. Das gilt für die FDP in jeder bayerischen Gemeinde.
Ist der Umgang mit dieser Krise eine Existenzfrage für die FDP? Für die FDP in Thüringen? Oder nur für Parteichef Lindner?
Es hätte eine Existenzkrise werden können, wenn die Partei nicht binnen 24 Stunden Klarheit geschaffen hätte. Es darf keinen Zweifel geben: Wir sind eine Partei der Mitte!
Neuwahl in Thüringen hieße auch: Die FDP wäre realistischerweise draußen. Ein Kollateralschaden?
Was Neuwahlen für die FDP bedeuten, kann man noch nicht wissen. Das ist aber auch nicht entscheidend. Es geht darum, einen Fehler zu korrigieren.
Interview: Chr. Deutschländer