München/Berlin – Für die Fotografen ist es ein Fest. Als sich Annegret Kramp-Karrenbauer nächtens im Thüringer Landtag ihren Weg durch das Spalier der Kameras bahnt, trottet sie mit gesenktem Haupt an einem großen Plakat der AfD-Fraktion vorbei. Es ist ein Uhr morgens, als die CDU-Chefin ihre Mission in Erfurt abbrechen muss. Sie ist gescheitert: Die Fraktion in Erfurt stemmt sich gegen Neuwahlen. Da hilft auch der Besuch aus Berlin nichts.
Es brennt in der CDU. In Erfurt wie in Berlin. Das wird klar, als Mike Mohring ein paar Stunden später vor dem Konrad-Adenauer-Haus eintrifft und sich auffallend viel Zeit nimmt, um vor den Kameras seine Sicht der Dinge darzustellen. Erstens: Er habe schon lange auf die schwierige Situation im Landtag hingewiesen. Zweitens habe er zuletzt intern vor einer Wahl des FDP-Manns Thomas Kemmerich gewarnt und jeden Einzelnen gefragt, ob er sich des „Tsunamis“ bewusst sei, der sich entwickeln könne. Und drittens: „Es gab an der Basis in Thüringen für die Entscheidung, wie sie zunächst gefallen ist, eine riesengroße Zustimmung.“ Da gingen die Wahrnehmungen in Berlin und Thüringen wohl auseinander.
Zu seiner eigenen Zukunft sagt Mohring wenig. Der Landesvorstand habe ihm mit 12:2 Stimmen das Vertrauen ausgesprochen, in der Landtagsfraktion werde im Mai gewählt. Dann geht er in die Parteizentrale, um sich die erwartete Abreibung abzuholen. Er ist kaum drin, da bricht sich daheim in seiner Fraktion der Unmut Bahn. Mohring habe vergessen zu erwähnen, dass er als Fraktionschef abtreten werde. Im Mai ist Schluss für ihn.
Auch bei der Berliner Krisensitzung geht es erst einmal um Mohring. Er habe augenscheinlich „seinen Laden nicht im Griff“, motzt dem Vernehmen nach ein Teilnehmer. Der Hauptvorwurf: Mohring habe nicht verhindert, dass die CDU-Abgeordneten im Landtag den FDP-Kandidaten wählten, obwohl absehbar gewesen sei, dass die AfD mitstimmen würde.
Viele Wortmeldungen gibt es. Kritisiert werden auch FDP-Chef Christian Lindner und Bodo Ramelow. Der abgewählte Ministerpräsident der Linken trage die Schuld an der verfahrenen Situation, weil er ohne Mehrheit im Parlament angetreten sei. Kritik an Kramp-Karrenbauer? Offenbar Fehlanzeige. Stattdessen bekommen noch zwei CDU-Männer ihr Fett weg – der Vorsitzende der Jungen Union, Tilmann Kuban, und Mittelstandschef Carsten Linnemann. Beide hatten sich gegen Kramp-Karrenbauers Forderung nach Neuwahlen ausgesprochen und der Parteispitze mangelnde Führungskraft vorgeworfen.
Dann tritt Kramp-Karrenbauer vor die Presse. Noch mal eine Spitze in Richtung Erfurt: Im Präsidium sei man nach wie vor der Meinung, dass Neuwahlen „der klarste“ Weg wären. Inzwischen macht aber eine Forsa-Umfrage die Runde, nach der man in Thüringen fast die Hälfte der Mandate verlieren könnte. Vielleicht auch deshalb fordert die CDU-Spitze nun SPD und Grüne auf, einen Kandidaten der Mitte für den Posten des Ministerpräsidenten vorzuschlagen. Dass es dazu kaum kommen dürfte, wissen alle: Die SPD in Thüringen stellt nur acht Abgeordnete, die Grünen haben fünf – die Linkspartei 29.
Doch die CDU bekommt unmittelbar vor dem Koalitionsgipfel am Samstag Oberwasser. Plötzlich ist nun die SPD am Zug. Die Reaktion ist deutlich. SPD-Vize Kevin Kühnert twittert: „Es ist nur noch zum Kotzen.“