München – Irgendjemand sollte für diesen Blick ein Wort erfinden: Er steckt voller Häme, Verachtung und gefühlter Überlegenheit. Vor allem aber ist er voll heiterer Lust am Elend der anderen. Die anderen, das sind zum Beispiel Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und FDP-Vize Wolfgang Kubicki. Während sie sich klapprige Erklärungen für das Thüringer Wahldebakel abringen, lehnt sich AfD-Fraktionschefin Alice Weidel am Sonntagabend genüsslich in ihren Sessel. Der Blick gehört ihr. Sie legt ihn eine ganze Talkshow lang nicht ab.
Warum auch? Was sie sieht, muss ihr gefallen. ARD-Talkerin Anne Will hat fünf Tage nach dem thüringischen „Tabubruch“ zur Krisenrunde geladen, es geht um die Konsequenzen. Damit ist nicht Annegret Kramp-Karrenbauer gemeint. Sie sitzt zu diesem Zeitpunkt noch im CDU-Sattel – oder hängt „mit einem Bein im Steigbügel“, wie „Spiegel“-Journalistin Melanie Amann sagt. Gemeint ist, wie die Parteien nach der Wahl eines Ministerpräsidenten von AfD-Gnaden zur Normalität zurückkehren wollen. Die 70 Sendeminuten lassen wenig Gutes vermuten.
Die Zuschauer bekommen vor allem eines zu sehen: große Verunsicherung. Während Altmaier umständlich versucht, die Führungsschwäche in seiner Partei wegzureden, erklärt Kubicki, er hätte die Wahl – anders als sein Thüringer Kollege Thomas Kemmerich – als der „mental Stärkere“ gar nicht erst angenommen. Allerdings twitterte er am Mittwoch euphorische Glückwünsche nach Erfurt, woraus Anne Will allen Ernstes die Frage strickt, ob nicht auch er zurücktreten müsse. Ein Wahnsinn.
Die Diskussion, in der bisweilen mehr geschrieben als gesprochen wird, ist stellenweise nur schwer zu ertragen – aber auch aufschlussreich. Sie zeigt, in welche Situation die AfD das parlamentarische System zu bringen bereit ist, wenn sie kann. Und wie sehr sie ihre Sabotagefähigkeiten genießt. Dass die Wahl Kemmerichs eine „strategische Karte“ war, ein Trick, um Chaos zu stiften, hat Thüringens AfD-Sprecher Stefan Möller ja längst zugegeben. Weidel bestreitet es trotzdem. Um eine Einschätzung zum völkischen Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, dessen Parteiausschluss sie selbst einst wollte, drückt sie sich recht offensichtlich; ansonsten besteht ihr Beitrag zur Sendung aus provokantem Gelächter und dem Wort „unglaublich“, das sie stets in die Runde seufzt, wenn ihr etwas nicht passt.
Mehr muss Weidel auch gar nicht leisten, Thüringen hat sich längst zum Selbstläufer zu ihren Gunsten entwickelt. CDU und FDP, also ein Teil der von der AfD so verachteten „Etablierten“, stecken in einer gewaltigen Krise. Parallel dazu wird Höcke medial zum Dämon hochgejazzt. Das aktuelle „Spiegel“-Cover zeigt sein Gesicht auf tiefschwarzem Hintergrund –eine Aufmachung, wie sie auch zu Adolf Hitler passen würde. Die Gleichsetzung mag provozieren, sie bedeutet aber auch eine krasse Überhöhung des gänzlich uncharismatischen Höcke.
Dass das Spielchen zumindest am Sonntagabend nicht ganz aufgeht, liegt an Sahra Wagenknecht (Linke) und SPD-Vize Kevin Kühnert. Im aufgescheuchten Will’schen Hühnerhaufen argumentieren beide klar und scharf und führen die Diskussion auf ein paar kritische Punkte zurück. Wer glaube, die aktuelle Debatte schwäche die AfD, der habe „nichts kapiert“, sagt Wagenknecht. Das Gegenteil sei der Fall. Kühnert besteht darauf, dass die Ost-CDU ihr Verhältnis zur AfD klärt. Er sei besorgt, „wo das bei Ihnen hin rutscht“, sagt er zu Altmaier. „Von unten bröckelt bei Ihnen die Distanz nach rechtsaußen weg.“
Auch „Spiegel“-Journalistin Melanie Amann hält die Kluft zwischen der eher liberalen West-CDU und den zur AfD hin offenen Ost-Verbänden für ein Problem. Die Partei zerreibe sich, sagt sie, bis womöglich nur noch „eine rauchende Ruine“ übrig bleibe. Es wäre dann der größte Coup der AfD. MARCUS MÄCKLER