München/Berlin – Die Genossen müssen sich ein wenig gedulden. Die beiden SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken wollen am Montagmittag im Willy-Brandt-Haus erst vor die Kameras treten, nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer auch öffentlich ihren Verzicht auf die Kanzlerkandidatur erklärt hat. Doch der AKK-Auftritt wird verschoben und verschoben. Und die SPD, die selbst so lange führungslos durch die Große Koalition getaumelt war, muss warten. Erst dann kann sie das neue Führungschaos der anderen Seite kommentieren.
„Die Vorgänge an der Spitze der CDU sind sehr besorgniserregend“, sagt Walter-Borjans, als es endlich so weit ist. Die CDU befinde sich in einem „Richtungsstreit“ und sei „seit Längerem erkennbar führungslos“. Der SPD-Chef äußert zwar „großen Respekt“ für den „konsequenten Schritt“ von Kramp-Karrenbauer, doch es sei ihr Taktieren gewesen, das „den rechten Kräften in der Partei Raum gelassen hat, der die aktuelle Krise in der CDU erst heraufbeschworen hat“. Walter-Borjans‘ Forderung: Die CDU müsse ihr Verhältnis zu Rechtsextremen wie auch „zu Kräften in den eigenen Reihen“ klären, die sich nach rechts öffnen wollen. Stichwort: Werteunion.
Das politische Berlin wird am Montagmorgen von der Ankündigung Kramp-Karrenbauers komplett überrascht. Man sortiert sich kurz, dann kommen viele Ratschläge und Mahnungen. Eine klare Vorstellung über die Zukunft der CDU scheint beispielsweise der SPD-Politiker Thomas Oppermann zu haben, der sich bereits am Morgen äußert: Er rechnet damit, dass Armin Laschet den CDU-Vorsitz ergreift. „Sonst ist er ein Papiertiger“, begründete er seine Vorstellung gegenüber der Funke Mediengruppe.
Die Vorsitzenden der Linken fürchten derweil einen Rechtsruck in der CDU – trotz des Wirbels um den Ministerpräsidenten. Für die Linken-Chefin Katja Kipping ist daher nun entscheidend, wer auf Kramp-Karrenbauer folgt. Sie nennt Armin Laschet und den ehemaligen AKK-Konkurrenten Friedrich Merz „zwei Pole“: „Das ist mehr als eine Frage um Köpfe“, dies sei eine Richtungsentscheidung. Außerdem gehöre die „Hufeisentheorie“ der Christdemokraten, die es verbietet, sowohl mit Linke als auch AfD zusammenzuarbeiten, „endlich entsorgt“, twittert Kipping.
Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch, bezeichnet den Rücktritt von Kramp-Karrenbauer als „folgerichtig“. Er sei das Ergebnis von „diversen Fehleinschätzungen und großen Fehlern, die sie politisch gemacht hat“ – unter anderem in Thüringen.
Die Grünen-Chefin Annalena Baerbock warnt vor einem „Machtvakuum“ nicht nur in Thüringen, sondern auch in der CDU. „Mit diesen ungelösten Konflikten kann man schwer staatspolitische Verantwortung in diesem Land tragen“, sagt sie in Berlin. Die ungelöste Frage, wie sich die CDU zur Linken verhalte, habe zu dem Drama in Thüringen geführt.
FDP-Chef Christian Lindner will sich nicht näher zu den Vorgängen äußern. Dies seien „innere Angelegenheiten der CDU“, und über die Stabilität der Großen Koalition könne er nicht spekulieren. Vermutlich hat er nach Thüringen selbst genug Sorgen.
Und die AfD, die mit ihrem Coup im Thüringer Landtag den Betrieb in Berlin erschüttert hat? Sie sieht Chancen für eine Annäherung an die CDU. Fraktionsvorsitzender Alexander Gauland begrüßt den angekündigten Rücktritt von Kramp-Karrenbauer. Sie habe die CDU mit ihrem „Ausgrenzungskurs“ der AfD ins Chaos gestürzt.