Berlin – Führende Unionspolitiker vergleichen die Suche nach einem CDU-Chef schon mit den Rennen der Sprinter im Radrennsport. Die Kontrahenten belauern sich. Es gibt Stehversuche, Scheinantritte und andere taktische Manöver. Am Ende zählt nur eins: Wer geht als Sieger durchs Ziel? Bei Friedrich Merz, Armin Laschet und Jens Spahn ist es im Kampf um die Nachfolge von Annegret Kramp-Karrenbauer zurzeit nicht viel anders. Nur dass hinter der Ziellinie wohl auch die Kanzlerkandidatur lockt.
Am Mittwochabend war Merz vorgeprescht. Er sei entschlossen, für den Parteivorsitz zu kandidieren, ließ er sein engstes Umfeld verlauten. Er wisse die Parteibasis hinter sich und fühle sich durch die Umfragen ermutigt. Merz sei offen für eine Mitgliederbefragung, nicht aber für einen bindenden Mitgliederentscheid.
Aus dem eigenen Lager bekommt Merz am Donnerstag Unterstützung, der Chef des Parlamentskreises Mittelstand, Christian von Stetten, wirbt für ihn. Als erster Vorsitzender eines Landesverbands stellt sich der Berliner CDU-Chef Kai Wegner hinter die Kandidatur: „Er spricht eine klare Sprache, und er hat ein erkennbares Profil“, sagt Wegner.
Merz selbst bestätigt seine Kandidatur nur indirekt. Er sei bereit, Verantwortung zu übernehmen, sagt er am Abend bei einem Mittelstandsforum in Berlin. Auf die konkrete Nachfrage, ob er für den Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur antrete, antwortet er nicht direkt. „Wir müssen wirklich sorgfältig abwägen, in welcher Kombination und Konstellation wir in die nächste Bundestagswahl gehen.“ Es gebe auch einen Tag danach: „Wir müssen dafür sorgen, dass die Union zusammenbleibt. Das ist nicht trivial.“ Er rechne mit einer Entscheidung wohl bis zur Sommerpause.
Es ist derzeit erstaunlich viel von Kombination, Teams und Konstellationen in der CDU die Rede. „Wir brauchen eine Aufstellung für die Zwanzigerjahre, bei der nicht mehr Angela Merkel im Zentrum stehen wird“, macht Jens Spahn im „Spiegel“ deutlich. „Ich habe großen Respekt und Dankbarkeit dafür, was Angela Merkel für Deutschland und die Partei geleistet hat. Jetzt aber richten wir den Blick nach vorn.“ Es werde keine Schnellschüsse geben, aber der ursprüngliche Zeitplan bis Dezember sei nicht zu halten. „Einerseits darf jetzt kein Machtvakuum entstehen. Andererseits muss der Prozess auch geordnet ablaufen“, sagt Spahn.
Hört man sich in CDU und CSU um, fürchten viele, dass sich nach der überraschenden Rückzugsankündigung von AKK ein Verfahren wiederholt, das es 2018 nach dem Rückzug von Angela Merkel von der Parteispitze gegeben hat. In einer Serie von Regionalkonferenzen hatten sich die damaligen Kandidaten Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn der Parteibasis vorgestellt.
Heute glauben CDU-Strategen, das sei ja in der Theorie schön gewesen – aber wo es hinführe, könne man jetzt besichtigen: Auf dem Hamburger Parteitag Ende 2018 hatte Merz derart knapp gegen AKK verloren, dass es der neuen Vorsitzenden im Anschluss zwar gelang, die Brüche mit der kleinen Schwester CSU wegen der Migrationspolitik zu kitten. Doch den Spalt zwischen dem Merz-Lager, das sich nach langen Merkel-Jahren eine Abkehr vom Mittekurs wünschte, konnte Kramp-Karrenbauer nicht schließen.
Selbst aus dem Kreis jener, die im Machtkampf 2018 auf der Seite von Merz standen, ist deshalb nun Irritation zu spüren, dass der Wirtschaftsexperte quasi im Alleingang seine Kandidatur angemeldet hat. Unisono sei doch am Montag in der Parteispitze und am Dienstag in der Fraktion deutlich geworden, dass man erwarte, dass Laschet, Merz und Spahn gemeinsam in die schwierigen Monate bis zur Bundestagswahl ziehen würden, heißt es.
In den Umfragen liegt Merz vorn. 40 Prozent der Befragten sind nach dem neuen ARD-Deutschlandtrend von Infratest dimap der Meinung, dass der 64-Jährige ein guter Kanzlerkandidat wäre. Allerdings sind auch 42 Prozent der gegenteiligen Auffassung. Bayerns Ministerpräsidenten und CSU-Chef Markus Söder fänden 31 Prozent, Laschet 30 Prozent geeignet. Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, würden 26 Prozent der CDU/CSU ihre Stimme geben. Das ist ein Prozentpunkt weniger als in der Vorwoche. Die SPD käme auf 16 (+2), die AfD bliebe bei 14 Prozent. Die FDP läge bei sieben (-1) und die Linke weiter bei neun Prozent. Die Grünen blieben bei 22 Prozent.