München – Sollte die CDU derzeit ratlos wirken – an Ratschlägen aus Bayern mangelt es jedenfalls nicht. Morgens grüßt Markus Söder aus der „FAZ“, am frühen Abend äußert er sich im ZDF-Interview, am späten Abend gastiert er in der ARD-Talkshow. Stets unternimmt der CSU-Chef den Versuch, das Personalknäuel der Schwesterpartei zu ordnen. Es scheint ein zunehmend schwieriges Unterfangen zu sein.
Am Mittwoch, diesmal im ZDF, warnt Söder die CDU davor, mit einer monatelangen Kandidatenkür das Land zu lähmen. „Jetzt melden sich fast täglich neue Kandidaten. Da muss man sehr aufpassen, dass wir nicht durch falsche oder zu lange Zeitabläufe eine Situation wie in der SPD bekommen, mit zig Kandidaten und Abstimmungsverfahren, die (…) ganz Deutschland lähmen“, sagt er. Jeder dieser bundesweiten Medienauftritte ist ein Balanceakt: Nie legt sich Söder auf einen Bewerber fest, lässt aber Zweifel an Friedrich Merz ohne Namensnennung leise anklingen. Gleichzeitig fordert er jedes Mal volle Mitsprache der CSU, so weit es um die Kanzlerkandidatur geht.
Je weniger die scheidende CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer präsent ist, desto auffälliger agiert der Bayer. Im ZDF gibt er auch den künftigen Kurs der Unionsparteien vor: „Wir müssen aufpassen, dass wir am Ende aus der Mitte nicht mehr an die Grünen verlieren, als was man vielleicht an ein oder zwei Prozenten von der AfD gewinnt.“ Die Mehrzahl der Wähler sitze im Westen, mahnt er. Die Angst, an die Grünen weitere Stimmen zu verlieren, ist beim CSU-Chef präsent. Er hält inzwischen eine grün geführte Bundesregierung (als Linksbündnis oder mit der Union nur als Juniorpartner) für ein sehr realistisches Szenario nach der nächsten Wahl.
Das Kandidaten-Casting in der CDU geht derweil weiter, und durchaus mit Misstönen. Kramp-Karrenbauer empfing gestern weitere Anwärter für ihre Nachfolge. Norbert Röttgen, der sich als einziger bisher offiziell erklärt hat, kritisierte nach dem Gespräch das Verfahren als intransparent. „Es bleibt meine Meinung, dass diese Frage nicht im Hinterzimmer zu klären ist.“ Er sei immer für eine Mitgliederbefragung gewesen, „gerade bei Personalentscheidungen“. Kramp-Karrenbauer sondierte das weitere Vorgehen zudem mit Jens Spahn und Armin Laschet; Merz war bereits am Dienstag bei ihr.
Die Hinterzimmer-Debatte schlägt inzwischen mehreren in der CDU auf die Laune. „Ich kann diese ganze Debatte nicht mehr ertragen, Hinterzimmer, nicht Hinterzimmer“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul im Deutschlandfunk: Die SPD habe „alles im Vorderzimmer gemacht und hat sich über Monate zerfleischt“.
Eine hält indes nach eigenen Angaben still. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, es sei ihre „Erfahrung historischer Art, dass die Vorgänger sich aus so etwas heraushalten sollten – und das befolge ich“. Das heiße nicht, dass sie mit Kandidaten nicht spreche, fügte sie hinzu. Zudem verwies sie auf frühere Äußerungen, wonach sie bis zum Ende der Legislaturperiode Kanzlerin bleiben wolle.
Die Kandidaten suchen derweil auffällig die Nähe Söders. Mehrere wollen sich um Gespräche mit dem CSU-Chef bemühen; Merz hält sich häufiger privat in Oberbayern auf, Spahn und Laschet haben sich für die kommenden Wochen München-Termine geblockt. Zudem steht bald eine gemeinsame Präsidiumssitzung von CDU und CSU an. Nach einer Einigung auf ein Team sieht es im Moment überhaupt nicht aus. Oder, wie Söder mitteilt: „In der CDU begännen gerade „unruhige Zeiten“. (mit afp)
CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER