Syrien erlebt neues Flüchtlingsdrama

von Redaktion

Seit fast neun Jahren herrscht in Syrien Bürgerkrieg. Seitdem haben die Menschen dort unter vielen humanitären Katastrophen gelitten. Doch die jetzige Flüchtlingswelle übertrifft alles Bisherige.

VON JAN KUHLMANN

Idlib – Sie suchen Schutz, wo sie ihn nur finden können. In der nordsyrischen Stadt Asas hausen die Flüchtlinge sogar auf den Ladeflächen von Lastern, vor Kälte, Wind und Regen nur geschützt durch dünne Plastikplanen. Zum Essen hocken sie sich zwischen Pfützen auf den Boden. „In diesem Lastwagen lebt eine ganze Familie“ sagt Rafad Kinnu, Mitarbeiter der deutschen Welthungerhilfe in Asas, auf einem Video, das er gefilmt hat. „Weil sie keine andere Unterkunft haben.“ Ein paar Meter weiter haben andere im Matsch provisorische Plastikzelte errichtet. Die Flüchtlingslager sind längst überfüllt.

Den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen gehen die Worte aus, um die Dramatik der Lage im Nordwesten Syriens zu beschreiben. Dirk Hegmanns, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien, spricht von der „schlimmsten Flüchtlingskrise“ seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor neun Jahren, als die ersten Menschen gegen die Regierung protestierten. Geblieben ist vom Aufstand die letzte große Rebellenhochburg um Idlib, die jedoch immer kleiner wird. Seit 2019 rücken die Truppen von Präsident Baschar al-Assad und deren Verbündete vor, unterstützt von russischen Luftangriffen.

Nach UN-Angaben sind seit Dezember 900 000 Menschen vor Kämpfen und Bombardierungen geflohen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Sie versuchen in Gebieten unterzukommen, die wegen früherer Flüchtlingswellen ohnehin schon äußerst dicht besiedelt sind. Die Helfer sind oft überfordert. „Es sind unglaublich viele Menschen in kurzer Zeit, da ist es schwierig zu reagieren“, sagt Hegmanns. So fehlt es an allem: an Unterkünften, Nahrung, Heizmitteln und medizinischer Versorgung.

Auch weil bei Luftangriffen immer wieder Krankenhäuser getroffen werden. Oppositionelle Aktivisten werfen Syrien und seinem Verbündeten Russland vor, gezielt lebenswichtige Infrastruktur anzugreifen, um die Menschen zur Aufgabe zu zwingen. Selbst in Flüchtlingslagern drohen Angriffe. So meldete die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, in den vergangenen Tagen seien westlich von Aleppo auch provisorische Vertriebenenlager bombardiert worden. „Die Situation der Menschen ist verzweifelt“, sagt Landeskoordinatorin Julien Delozanne. „Die Angriffe treffen jetzt Gebiete, die bislang als sicher galten.“ Und als wäre die humanitäre Katastrophe nicht schon groß genug, verschlimmern die Wintertemperaturen die Lage noch.

Für die Flüchtlinge geht es ums nackte Überleben. So wie die Familie von Diab Allusch, 75 Jahre alt, ein Bauer mit Schnauzbart und Zahnlücken, der sich ein rot-weißes Tuch um den Kopf gewickelt hat. Mit seiner Frau und sechs kleinen Kindern ist er aus der Stadt Maarat al-Numan vor Assad geflohen. Jetzt hausen sie nahe Idlib in einem zerstörten Gebäude. Auf Gesichtern und Kleidern der Kinder steht der Schmutz. „So etwas (Schlimmes) habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt“, sagt Allusch.

Ihre Flucht könnte noch nicht zu Ende sein. Assad zeigte sich in dieser Woche in einer Ansprache siegessicher: Seine Truppen würden die Offensive fortsetzen, bis ganz Syrien „befreit“ sei. Die Rebellen waren in der Vergangenheit nicht mehr in der Lage, ihre Gegner aufzuhalten.

Im UN-Sicherheitsrat stimmte die Vetomacht Russland gestern Abend gegen eine Erklärung für eine Waffenruhe im Nordwesten Syriens. Rückt Assad weiter vor, wird nicht nur die Zahl der Flüchtlinge steigen, sondern das Zufluchtsgebiet immer kleiner. Die Türkei hat ihre Grenzen geschlossen, weil sie schon 3,5 Millionen Syrer aufgenommen hat. Präsident Recep Tayyip Erdogan droht seinerseits mit militärischem Eingreifen: „Die Idlib-Operation ist eine Frage des Augenblicks.“ Es seien „die letzten Tage“ für das „Regime“, um die Aggression zu stoppen.

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