„Die Vorbereitungen sind unzureichend“

von Redaktion

Wegen des Corona-Virus könnten die Quarantäne-Betten in Krankenhäusern knapp werden, wenn sich viele Menschen infizieren, befürchtet Katastrophenforscher Martin Voss. Der 47-Jährige arbeitet als Professor für sozialwissenschaftliche Katastrophenforschung an der Freien Universität Berlin und leitet die dortige Katastrophenforschungsstelle (KFS).

Wir seien gut auf das Corona-Virus und die Lungenkrankheit Covid-19 vorbereitet, erklärt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Stimmt das?

Es reicht nicht, immer nur zu sagen, dass Deutschland gut vorbereitet ist. Wir müssen öffentlich über die Grenzen der Vorkehrungen gegen Pandemien sprechen. Für die Versorgung einiger hundert Patienten in Quarantäne reichen die Kapazitäten in deutschen Krankenhäusern aus, bei tausenden allerdings wird es sehr schwierig werden. Das muss die Öffentlichkeit wissen, um sich selbst ein Bild machen zu können. Dabei geht es nicht um Verunsicherung, sondern um einen rationalen Diskurs.

Wie schätzen Sie die Lage in den Arztpraxen ein?

Im Augenblick wird allenthalben improvisiert. So sind die Arztpraxen in keiner Weise vorbereitet. Wenn überhaupt, haben wohl nur wenige Praxen Schnelltests zur Verfügung und werden diese nur dann anwenden, wenn sie es mit sehr konkreten Verdachtsfällen zu tun haben. Deshalb kann man sich nicht vorsorglich testen lassen, wenn man aus einem Risikogebiet kommt oder Kontakt zu jemandem von dort hatte. Das müsste allgemein geregelt werden, insbesondere auch die Kostenübernahme für Schnelltests durch die Krankenversicherungen. Vielleicht wären auch zentrale Anlauf- und Informationsstellen hilfreich. Die Allgemeinärzte könnten erst einmal völlig überfordert sein, wenn die Welle richtig losrollt.

Müssen wir damit rechnen, dass auch hier Städte unter Quarantäne gestellt und abgeriegelt werden?

Grundsätzlich besteht auch in Deutschland der rechtliche Rahmen für drastische Einschränkungen der Bewegungsfreiheit – etwa die Schließung öffentlicher Einrichtungen, das Verbieten von Veranstaltungen oder Versammlungen bis hin zur häuslichen Quarantäne oder auch der Abriegelung ganzer Ortschaften. Nach meinem Kenntnisstand existieren jedoch keine wirklich ausgearbeiteten Pläne für ein nun absehbares, konkretes Szenario. Das heißt: Die Bundes- und Landesbehörden, vor allem die Kommunen und Gesundheitsämter als ausführende Organe werden improvisieren. Für das, was auf uns zukommen könnte, halte ich den Vorbereitungsstand für unzureichend.

Könnte es zur Knappheit von Lebensmitteln kommen, wenn der Zugang zu Städten beschränkt würde?

Selbst bei Quarantäne von Orten würde man innerhalb der abgesperrten Gebiete weiter einkaufen können, denn diese würden von außen versorgt werden. Dennoch kann es zu Einschränkungen kommen. Insgesamt kann das öffentliche Leben wohl weiterlaufen, und auch die kritischen Infrastrukturen wie Wasser- und Stromversorgung bleiben intakt. Kritischer kann es aber bei der Versorgung mit Medikamenten werden, wo sich teilweise schon unter Normalbedingungen Versorgungslücken zeigen.

Sollen Privathaushalte nun Lebensmittel und Wasser horten?

Grundsätzlich, unabhängig von Covid-19, sollte jeder Haushalt einen gewissen Wasser- und Lebensmittelvorrat im Keller haben. Das empfiehlt das Bundesamt für Katastrophenschutz seit Langem. Jeder Mensch muss seinen eigenen Beitrag leisten. Aber nicht alle Menschen können sich das gleichermaßen leisten, auch hier müssen wir darüber diskutieren, ob nicht der Staat mehr Verantwortung übernehmen sollte.

Interview: Hannes Koch

Artikel 2 von 11