München/Berlin – Vielleicht muss man sich so einen Wettbewerb um den Parteivorsitz vorstellen wie eine Sprintentscheidung im Bahnradsport. Zu Beginn belauern sich die Konkurrenten, keiner will sich zu früh in Bewegung setzen. Aber wenn das Rennen erst mal in Gang ist, gibt es kein Halten mehr. So wie in den letzten Tagen in Berlin.
Am Montagabend lädt das Team von Friedrich Merz für den folgenden Vormittag in die Bundespressekonferenz ein. Thema: „Kandidatur für den CDU-Vorsitz.“ Dass Merz Ambitionen hat, ist lange bekannt, aber bisher zögerte er seine erste Aktion heraus wie ein Sprinter zu Beginn eines kurzen, explosiven Rennens. Nun rollt er also los. Das ist das Signal für Armin Laschet, sich seinerseits zu bewegen.
Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen startet nach Merz, aber er kommt vor ihm an. Gemeinsam mit Jens Spahn sitzt Laschet bereits um 9.30 Uhr vor der Presse, die Einladung erging erst eine Stunde vorher. Die Zeit ist knapp, Spahn muss weiter nach Rom, aber hier geht es auch in erster Linie um Laschet. Der will am 25. April beim Sonderparteitag CDU-Chef werden. Spahn, der ebenfalls beträchtliche Ambitionen hatte, würde sein Stellvertreter werden.
Aus vier Männern aus NRW, die sich um den Vorsitz bewerben wollten, sind nun drei geworden. Nummer drei ist Norbert Röttgen, der letzte Woche seinen Hut in den Ring warf. Aber eigentlich geht es jetzt nur noch um Laschet und Merz. Das Bündnis mit Spahn ist ein echter Coup des Ministerpräsidenten. Laschet ist im Tonfall herzlich, ein bisschen gemütlich, auf ihn trifft die Bezeichnung „Landesvater“ zu. Er zieht klare Linien und betont „null Toleranz gegenüber Kriminellen“, will aber auch ein „tolerantes und weltoffenes“ Land. Im ZDF lässt er gestern noch nonchalant fallen, dass er auch zur Kanzlerkandidatur bereit wäre – vorausgesetzt natürlich, er werde vorher zum CDU-Chef gewählt.
Er und Spahn decken eine enorme Bandbreite ab, für die Schärfe im Profil ist dabei eher der Gesundheitsminister zuständig. Beide waren oft unterschiedlicher Meinung, am deutlichsten beim Thema Migration. Nun sind sie ein Tandem. Was sie verkörpern, kann man – wenn man alle taktischen Erwägungen außer Acht lässt – einen Brückenschlag nennen.
Friedrich Merz nennt es „eine Kartellbildung zur Schwächung des Wettbewerbs“. Mit Laschet hatte er vereinbart, im Falle einer Niederlage als dessen Stellvertreter bereitzustehen. Das sei nun, wo Spahn an Laschets Seite steht, aber „vom Tisch. Ich spiele auf Sieg, nicht auf Platz.“
Wie es um die Teamfähigkeit des Sauerländers bestellt ist, weiß man auch nach dessen markigem Auftritt nicht. Merz bleibt eine Antwort schuldig, ob er sich im Fall einer zweiten Niederlage (nach dem Parteitag im Dezember 2018) weiter einbringen werde. Er hält seine Chancen für „sehr viel größer“ als in Hamburg, wo er aus dem Stand auf 48 Prozent kam. Dazu passt ein Bericht der „Bild“, wonach Merz am Montag einen Platz im Kabinett ablehnte. Als Gegenleistung hätte er wohl auf den Parteivorsitz verzichten müssen.
Während Laschet gestern freundlich, aber inhaltlich vage auftritt, legt Merz ein regelrechtes Regierungsprogramm vor, vom starken Rechtsstaat über eine Zukunftsoffensive bis zu einem flammenden Plädoyer für Europa. Für das Amt des Generalsekretärs will er eine Frau nominieren. Die Wahl zwischen Laschet und ihm nennt er „eine Alternative zwischen Kontinuität und Aufbruch“. Ein „Weiter so“ gäbe es mit Merz nicht, wohl auch nicht für Angela Merkel, seine ewige Rivalin. Er spricht von „15, vielleicht dann 16 Jahren“ im Kanzleramt. Vielleicht.
Der dritte Mann im Rennen ist da fast schon vergessen. Während Laschet und Spahn reden, twittert Norbert Röttgen eilig, die zweite Person in seinem Team werde eine Frau sein. Einen Namen nennt er nicht. Der Mann, der das Rennen erst in Schwung brachte, kann kaum noch mithalten.