EU lobt Hellas als „Schild Europas“

von Redaktion

Die Lage im Nordosten Griechenlands hat sich etwas entspannt. Erdogans Spiel mit den Migranten scheint vorerst nicht aufgegangen zu sein. Ursula von der Leyen nennt Athen den „Schild Europas“ – ein Lob, das auch mit einem harten Vorgehen gegen Grenzverletzer erworben wurde.

VON ANINDITA RAMASWAMY, LINDA SAY UND GREGOR MAYER

Kastanies/Edirne – Rundflug mit dem Hubschrauber, Fahrt ins Innere der Sperrzone am Grenzübergang Kastanies und Gespräche mit griechischen Militär- und Polizeikommandeuren: In wenigen Stunden hat sich die Spitze der Europäischen Union (EU) gestern ein Bild von der Lage im Nordosten Griechenlands verschafft, die sich in den Tagen davor dramatisch zugespitzt hatte. Der Grund: Die Türkei hatte verkündet, ihre Grenzen zur EU seien für Flüchtlinge und Migranten offen.

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Ratspräsident Charles Michel, Europaparlamentspräsident David Sassoli und Andrej Plenkovic, der Ministerpräsident des EU-Vorsitzlandes Kroatien, stellen beim anschließenden Pressetermin in Kastanies klar: Griechenland bleibt beim Dichthalten der europäischen Außengrenze nicht allein und genießt die uneingeschränkte Solidarität der EU.

„Die Sorgen Griechenlands sind auch unsere Sorgen“, betont von der Leyen. Griechenland dankt sie dafür, sich als „Schild Europas“ erwiesen zu haben – und verwendet in ihrem englischen Statement das griechische Wort dafür – „aspida“. Tenor der vier EU-Granden und ihres Gastgebers, des griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis: der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan habe sich verkalkuliert.

In den Tagen zuvor hatten sich in Nordost-Griechenland noch dramatische Situationen angespielt. Rund 13 000 Menschen lagerten im Gebiet vor dem Grenzübergang Kastanies. Immer wieder schlug die griechische Polizei große Gruppen zurück, die mit Gewalt versuchten, die Absperrungen zu durchbrechen. Die Beamten hielten sie mit Tränengas und Blendgranaten zurück.

Auf der türkischen Seite von Kastanies, am Grenzübergang Pazarkule bei Edirne, trafen wohl auch neue Flüchtlinge ein. Eine vierköpfige Familie aus dem irakischen Mossul wartete aber nach eigener Darstellung zwei Tage in zwei Kilometer Entfernung darauf, endlich von den türkischen Sicherheitskräften zur Grenze gebracht zu werden. Familienvater Ahmed Chalaf Awad (25) hofft, dass sie nach Deutschland oder Kanada weiterreisen können, „überall hin, nur nicht die Türkei“.

100 Kilometer südlich, nahe dem türkischen Grenzübergang Ipsala, stoßen Reporter vor einem Hochzeitssaal auf eine Gruppe von 50 Flüchtlingen. Aus sozialen Medien wollen sie erfahren haben, dass die Grenzen in den Westen nun offen seien. Jetzt stellen sie aber fest, dass Ipsala geschlossen ist. Manche von ihnen geben an, es auf die griechische Seite geschafft zu haben. Dort seien sie aber von griechischen Sicherheitskräften geschlagen und zurückgeschickt worden. Außerdem seien ihnen Kleidung und Telefone abgenommen worden.

Unter den Gestrandeten sind Pakistaner, Nigerianer, Somalier, Syrer und Iraker. Bei ihnen macht sich Enttäuschung breit. Kinder sitzen am Boden und essen Simit – türkische Sesamringe. Unweit sind Busse aufgereiht – sie sollen die Menschen angeblich zurück nach Istanbul transportieren. Doch die Wartenden sind skeptisch: „Man lügt uns an. In Wahrheit bringt man uns nur ins Zentrum von Edirne.“ Ein Syrer merkt bitter an: „Wieso hat man uns hierhergebracht, wenn die Grenzen doch geschlossen sind?“

Im griechischen Grenzort Kastanies herrscht zur selben Zeit eine unnatürliche Ruhe. Normalerweise kommen viele Türken aus dem nahen Edirne hierher, um einzukaufen, in den Restaurants zu essen oder ein paar Bier zu trinken. Jetzt ist der Grenzübergang geschlossen.

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