KOMMENTAR
Die Sache ist schon bemerkenswert: In Kürze beginnt der Prozess gegen Benjamin Netanjahu: Es geht um Korruption und die Beeinflussung von Medien. Das sind keine Kavaliersdelikte und es gab Zeiten, da hätte so etwas auf Wähler abschreckend gewirkt. Die scheinen aber vorbei zu sein.
Netanjahus rechte Likud-Partei hat bei der Wahl in Israel – der dritten in einem Jahr – einen klaren Sieg eingefahren, trotz Anklage. Das Bedürfnis nach einer stark auftretenden Führungsfigur scheint auch in Israel schwerer zu wiegen als juristische Bedenken. Der populistisch begabte Netanjahu weiß das und hat im Wahlkampf voll darauf gesetzt, sich als kraftstrotzender Anführer zu inszenieren. Auch die Bilder von ihm und US-Präsident Trump, wie sie im Weißen Haus den (inhaltlich missratenen) Nahostplan vorstellen, haben dabei ihre Wirkung nicht verfehlt.
Die Frage ist, was Netanjahu aus seinem Wahlsieg macht. Für eine stabile Regierung fehlt die Mehrheit. Eine vierte Wahl wäre aber eine Farce – zumal klar sein dürfte, dass viel wählen nicht zwangsläufig für viel Klarheit sorgt. Fest steht: Nach einem Jahr Dauerwahlkampf braucht Israel eine Regierung. Zur Not noch mal unter Netanjahu.
MARCUS MÄCKLER