Lesbos – eine Insel im Ausnahmezustand

von Redaktion

Alltag im Zeichen von 20 000 Flüchtlingen – Debatte um Aufnahme junger Migranten

Lesbos/Berlin – Wer noch vor kurzer Zeit auf Lesbos und in der Inselhauptstadt Mytilini war, erkennt das Eiland heute nicht wieder. Auf der Straße wird Arabisch, Urdu, Farsi und Paschtu gesprochen. Migranten aus allen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens und Afrikas bevölkern den Hafen und die Stadt Mytilini. „Schert euch zum Teufel“, murmelt ein älterer Einheimischer, der auf der zentralen Shoppingmeile Ermou seine Einkäufe macht. Er ist einer von wenigen Inselgriechen, die noch auf der Straße unterwegs sind.

An den Geldautomaten lange Warteschlangen: Nach Auszahlung der Renten holen die älteren Bürger ihr Geld – wie auch die Asylsuchenden, die eine kleine finanzielle Unterstützung erhalten. „Es gibt nicht genügend Geldautomaten. Aber das ist nicht das Einzige. Die ganze Infrastruktur bricht zusammen“, sag Irene, Angestellte in einem Hotel in Mytilini.

Überfüllt ist auch das kleine Krankenhaus der Insel. Es wurde einst für nicht mehr als 30 000 Einwohner gebaut. Jetzt müssen die Ärzte zusätzlich 20 000 Flüchtlinge versorgen. Migranten und Einheimische stehen gleichermaßen Schlange. Nicht erst seit der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus haben die Inselbewohner Angst vor Epidemien. Längst sorgen sie sich wegen des Drecks und der Gesundheitsgefahren, die von den unzähligen unorganisierten, überfüllten Flüchtlingslagern auf ihrer Insel ausgehen.

Angst haben aber auch die Migranten und Flüchtlinge. Hamid Reza, ein 29-jähriger Afghane, zeigt auf seine Frau und seine kleine Tochter, die er zum Hafen der Inselhauptstadt gebracht hat. „Ich habe Angst, im Lager zu leben. Ich sorge mich um meine Frau und meine Familie“, sagt er. Dort, im berüchtigten Lager von Moria, herrsche Gesetzlosigkeit. Deshalb verbringe er den Tag am Hafen.

Unterdessen ist in zahlreichen Ländern Europas eine Debatte über die Aufnahme von Flüchtlingen entbrannt. Die Bundesregierung ist in der Frage gespalten. Während Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sich dafür stark machte, jungen Flüchtlingen zügig zu helfen, warnte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) vor nationalen Alleingängen: „Es müssen möglichst viele mitmachen.“ Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) bekräftigte dennoch seine Bereitschaft zur Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge. Am Abend stimmte die große Koalition gegen die Aufnahme von 5000 Schutzbedürftigen aus Griechenland.

Jedes EU-Land solle pro halber Million Einwohner zehn unbegleitete Minderjährige „aus diesem Loch herausholen“, schlug Luxemburgs Minister Jean Asselborn vor. Auch Frankreich und Finnland hatten ihre Bereitschaft zur Aufnahme von Kindern und Jugendlichen erklärt. „Ich denke, das ist eine sehr gute Idee“, sagte EU-Innenkommissarin Ylva Johansson. „Es ist dringend nötig, sie von diesen Bedingungen wegzubekommen.“ T. TSAFOS/ dpa

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