München – Der Alltag hat Bodo Ramelow nun wieder, zumindest ein bisschen. Im Thüringer Landtag wurden gestern Investitionsgelder für Kommunen beschlossen. Ein grundsolides Thema, mäßig spektakulär – wenn man mal davon absieht, dass bei der Vorbereitung Linke und CDU, die sich auf Bundesebene spinnefeind sind, einträchtig zusammenarbeiteten. Ramelow, seit Mittwoch wieder Ministerpräsident des Freistaats, meint Projekte wie dieses, wenn er in der ARD von einer „neuen Form des Miteinanders“ zwischen der rot-rot-grünen Landesregierung und den Christdemokraten redet. „Ich nenne das den Thüringer Weg.“
Aus seinen Worten spricht das Bemühen, staatstragend und seriös, vor allem aber urdemokratisch aufzutreten. Leute, auf die man bauen und mit denen man vernünftig reden kann, so wollen Ramelow und die Linke wahrgenommen werden. Tatsächlich gehört die Partei zu den wenigen, die sich in Thüringen nicht bis auf die Knochen blamiert haben.
Und doch repräsentiert der Regierungschef nur den einen Teil des linken Spektrums. Der andere hat in den letzten Tagen ebenfalls lautstark auf sich aufmerksam gemacht. Seit am Wochenende auf einer Strategiekonferenz in Kassel eine Genossin unverkrampft die Frage stellte, wie es mit der Energiewende weitergehe, „wenn wir das eine Prozent der Reichen erschossen haben“, ist die Partei im Abwehrmodus. Während sich Ramelow rasch und unmissverständlich distanzierte („inakzeptabel und hätte nie lächelnd übergangen werden dürfen“), hat die ironische Replik des Parteichefs Bernd Riexinger („Wir erschießen sie nicht, wir setzen sie schon für nützliche Arbeit ein“) das Imagedesaster noch verschärft. Zumal es mehr als nur die eine wirre Wortmeldung gibt.
Im Internet macht nun auch der Auftritt eines Genossen die Runde, der über die wahren Aufgaben der Linken im politischen Alltag schwadroniert: „Staatsknete im Parlament abgreifen, Informationen aus dem Staatsapparat abgreifen, der Bewegung zuspielen und der außerparlamentarischen Bewegung zuspielen.“ Das klingt nicht nur demokratiefeindlich, sondern erinnert auch an dunkelste Stasizeiten – beeindruckt das Publikum aber durchaus. Das Vorstandsmitglied Lucy Redler wiederum beklagte jüngst, der Aufstieg der AfD sei erst durch ein Bündnis von „Halbrechten“ ermöglicht worden – namentlich „CDU, SPD und in Teilen auch die Grünen“.
Die fatalen Auftritte torpedieren das Bemühen der Parteispitze, vernünftig, berechenbar und potenziell regierungsfähig zu erscheinen. Deutlich wird, dass die Linke ideologisch zersplittert ist und neben besonnenen Vertretern auch radikale Spinner beheimatet, deren Fantasien intern auf irritierend offene Ohren stoßen. Einerseits ist Rot-Rot-Grün im Bund keine Utopie. Andererseits möchte man sich manche Mitglieder lieber nicht in der Nähe der Macht vorstellen.
Die Parteiprominenz, von Ramelow bis zu den Fraktionschefs Amira Mohamed Ali und Dietmar Bartsch, legt seit Tagen einen Interview-Marathon hin, um die Scherben zusammenzukehren. Nicht jeden überzeugen sie damit. Der Sprecher der Thüringer FDP verbreitete gerade eine Fotomontage, die Ramelow als Wiedergänger Erich Honeckers zeigt. Der Thüringer Weg kann noch ganz schön lang werden. MARC BEYER