Idlib – Seit der Nacht zum Freitag sollen die Waffen in der umkämpften syrischen Rebellenregion um die Stadt Idlib schweigen. Wieder einmal. So jedenfalls haben es Kremlchef Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan als Schutzmächte der Kriegsparteien am Donnerstag vereinbart. Türkische Zeitungen zeigen tags drauf Bilder der beiden, die sich lächelnd die Hände schütteln.
Doch nicht nur die syrischen Rebellen sind skeptisch. „Die Waffenruhe wird nicht halten“, glaubt der Sprecher der oppositionellen Syrischen Nationalarmee, Jussif Hammud. Das Abkommen ist für ihn nicht viel mehr als ein Strohhalm. Tatsächlich hatten sich Russen und Türken schon früher auf Waffenruhen für das umkämpfte Gebiet geeinigt – die jedoch alle wieder gebrochen wurden, meist eher früher als später.
Idlib im Nordwesten Syriens ist nach fast neun Jahren Bürgerkrieg das letzte große Rebellengebiet des Landes. Bereits im vergangenen Jahr hatten die Anhänger des syrischen Machthabers Baschar al-Assad eine Offensive begonnen – getreu nach Assads Ansage, das ganze Land wieder unter Kontrolle bringen zu wollen. Auch eine im Januar zunächst von Russland verkündete Waffenruhe hielt nicht. Stattdessen rückten Assads Truppen immer weiter vor und konnten strategisch wichtige Gebiete einnehmen.
Syriens Armee wäre allein kaum noch in der Lage, eine Offensive zu starten. An ihrer Seite kämpfen aber ausländische Milizen, die vom Iran unterstützt werden. Dazu gehört unter anderem die schiitische Hisbollah-Miliz aus dem Libanon. Das Rebellengebiet wird von der Al-Kaida-nahen Miliz Haiat Tahrir al-Scham dominiert. Dort kämpfen aber auch moderatere Gruppen, die mit der Türkei verbündet sind. Auch die Türkei selbst hat in der Region Truppen.
Dem Abkommen zufolge gilt seit Mitternacht eine Waffenruhe. Zudem einigten die Türkei und Russland sich auf einen zwölf Kilometer breiten „Sicherheitskorridor“ entlang der strategisch bedeutenden Schnellstraße M4. Diese verbindet die Regierungshochburg an der Mittelmeerküste im Westen mit der Region um die nordsyrische Großstadt Aleppo, die ebenfalls von Assads Anhängern kontrolliert wird. Russen und Türken wollen dort vom 15. März an gemeinsam patrouillieren.
Erdogan hatte in den vergangenen Tagen gefordert, dass sich die Regierungstruppen aus zuletzt eroberten Gebieten wieder zurückziehen müssen. Auch von einer Schutzzone hatte er gesprochen. Von beidem ist keine Rede in dem neuen Abkommen. Auch eine von der türkischen Regierung geforderte Flugverbotszone sieht es nicht vor.
Unklar ist, was aus den türkischen Beobachtungsposten wird, die von syrischen Regierungskräften eingeschlossen sind. Hier drohen neue Kämpfe zwischen dem türkischen und syrischen Militär. Dass die Türkei der Situation misstraut, war bereits am Donnerstagabend aus Erdogans Warnung herauszulesen, dass die Türkei sich das Recht vorbehalte, „auf alle möglichen Angriffe des syrischen Regimes mit all seiner Kraft und auf dem gesamten Feld zu antworten“. Letztlich liegen die Schlüssel für einen Erfolg der Waffenruhe in Moskau. Sollte Russlands Luftwaffe ihre Angriffe einstellen, könnten die geschwächten syrischen Regierungstruppen ihre Offensive kaum fortsetzen.
Fast eine Million Menschen sind in der Region seit Anfang Dezember vor Luftangriffen, Kämpfen und den heranrückenden Regierungstruppen in Richtung der türkischen Grenze geflohen. Ein Ende ihres Leidens ist vorerst nicht abzusehen. Immerhin verbucht es die Türkei als Erfolg, dass die unmittelbare Gefahr weiterer Fluchtbewegungen in Richtung ihrer Grenze abgewendet ist, sollten die Waffen schweigen. Die Menschen könnten aber nur dann in ihre Orte zurückkehren, wenn die Waffenruhe tatsächlich dauerhaft hält.