RKI: Kliniken sollen Krisenpläne aktivieren

von Redaktion

Ärger über Berliner Großveranstaltungen – Debatte um unterschiedliche Sterblichkeitsraten

München – Das Robert-Koch-Institut (RKI) geht von weiterhin zunehmenden Infektionen mit dem Coronavirus aus. RKI-Präsident Lothar Wieler sagte am Dienstag in Berlin: „Es ist eine ernste Situation.“ Es werde mehr Fälle und mehr schwere Verläufe geben. Wieler forderte am Dienstag Gemeinden und Krankenhäuser auf, ihre Krisenpläne zu aktivieren.

Für Kliniken könnte das heißen, Eingriffe auszusetzen, die nicht notwendig seien. Dadurch würden Betten für Corona-Fälle frei, so Wieler. Zudem könne man die Zahl der Intensiv-Betten erhöhen und den Personaleinsatz neu koordinieren. So könne man zur Behandlung infizierter Patienten nur bestimmte Kräfte einsetzen und andere von diesen trennen.

Neue Todesfälle wurden am Dienstag nicht gemeldet. Die Sterberate ist damit in Deutschland im Vergleich zu anderen Staaten weiterhin extrem niedrig. Wieler hatte aber bereits am Montag gesagt, er gehe über einen längeren Zeitraum von einer Angleichung der Sterberaten in verschiedenen Ländern aus.

Vor allem aus Italien werden deutlich mehr Todesfälle gemeldet. Dort sind bereits 631 Menschen gestorben – das sind 168 Fälle mehr. Es ist die bislang höchste Opferzahl an einem Tag. Die Gesamtzahl der Infizierten lag bei 10149 Menschen. Das teilte der Zivilschutz gestern Abend in Rom mit. Für den RKI-Präsidenten liegt das auch daran, dass sich das Virus in Italien lange Zeit unbemerkt ausgebreitet habe. Deshalb seien verhältnismäßig mehr Todesfälle als Infektionsfälle bekannt geworden. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, führt auch den Faktor Zeit an. In Italien grassiere das Virus schon länger. In Deutschland sei mit einem „gewissen Nachschleppen“ zu rechnen, sagte Drosten.

Andere Einschätzungen sehen unterschiedliche Testpraktiken als Grund für unterschiedlichen Zahlen. Laut RKI-Präsident Wieler zählt in Deutschland als Corona-Todesfall, wer positiv getestet wird und dann verstirbt. In Italien wurden seit dem 20. Februar auch Tests bei Verstorbenen durchgeführt. Nach einem Bericht des „Tagesspiegel“ ergab eine Analyse von 104 Todesfällen, dass zwei Drittel der infizierten Verstorbenen an mindestens zwei Vorerkrankungen gelitten hätten. Viele von ihnen wären, so die These, ohnehin gestorben oder hätten ohne Vorerkrankung überlebt. Solche Fälle würden in anderen Ländern nicht immer als Corona-Todesfälle erfasst.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung wies am Dienstag die Kommunen in NRW an, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen zu untersagen, ebenso Schleswig-Holstein und Bremen. Hessen und Rheinland-Pfalz sprachen entsprechende Empfehlungen aus. Ärger gab es um Berlin, das sich den Regelungen nicht anschloss – abgesagt wurden lediglich Veranstaltungen in staatlichen Theatern, Opern- und Konzerthäusern. Private Veranstaltungen, darunter auch das Bundesligaspiel des FC Bayern bei Union Berlin, sollen stattfinden. Aus Bayern kam daran massive Kritik. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) forderte dagegen bundeseinheitliche Regeln.

Das Bundeskabinett brachte die bereits angekündigten Änderungen beim Kurzarbeitergeld auf den Weg. Noch in dieser Woche sollen Bundestag und Bundesrat beraten.

Um Engpässe beim Testen von Verdachtsfällen zu beseitigen, plant München ambulante Zentren. Heute soll das erste dieser „Drive-in-Testzentren“ auf dem Gelände der Bayern-Kaserne im Münchner Norden in Betrieb gehen, sagte Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs der „tz“. STEFAN REICH

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