München/Wuhan – Deutschland bereitet sich auf eine Epidemie vor, Italien wird zur Sperrzone – und währenddessen erreicht China einen Wendepunkt im Kampf gegen das Coronavirus. Die Behörden haben die Einschränkungen gelockert, sagte Chinas Staatschef Xi Jinping gestern bei einem Besuch in Wuhan, die Epidemie sei „im Wesentlichen eingedämmt“. Hier haben die 56 Millionen Einwohner der Provinz Hubei seit anderthalb Monaten unter Quarantäne gelebt – weil die Zahl der Neuinfektionen jetzt aber deutlich zurückgegangen ist, dürfen gesunde Menschen wieder innerhalb der Provinz reisen. Außer in Wuhan, erzählt Silja Zhang, 36, unserer Zeitung am Telefon. Die Münchnerin lebt seit acht Jahren in der Stadt, in der das Virus auf einem Fischmarkt ausgebrochen ist.
„Wir gehen davon aus, dass wir noch bis Anfang April unsere Wohnungen nicht verlassen dürfen“, sagt die Radiologin, die aus München stammt und seit acht Jahren in Wuhan lebt. „Die Maßnahmen wurden zwar in vielen Orten Chinas gelockert, aber in Wuhan gibt es die meisten Corona-Patienten. Deswegen müssen wir uns noch gedulden.“ Im Februar hatten die Behörden angekündigt, dass die Quarantäne am 10. März endet. „Aber es war uns allen klar, dass das nicht passieren wird.“
Rund 17 000 Menschen seien aktuell vom Coronavirus in Wuhan betroffen, sagt sie. „Vor ein paar Tagen wurden über 100 Neuansteckungen täglich gemeldet. Heute waren es nur noch 17.“ Man warte nun in den einzelnen Stadtteilen darauf, dass die Zahl der Neuinfizierten auf 0 zurückgeht – und das 14 Tage lang anhält. „Erst dann werden die einzelnen Distrikte wieder geöffnet.“
Aber auch Wuhan profitiert davon, dass in China langsam der Alltag zurückkehrt. „Das gesamte Land außerhalb unserer Provinz fängt die normale Produktion wieder an“, sagt Zhang. „Das haben wir gebraucht, jetzt werden wieder Lebensmittel produziert und zu uns gebracht. Eine Zeit lang war das Essen wirklich knapp.“ Es gebe den Einwohnern in Wuhan Hoffnung, wenn der Rest des Landes wieder arbeitet, findet sie. „Das zeigt uns, dass auch bei uns bald wieder Normalität einkehren kann.“
Ein Lichtblick, der bedrückt. „Gerade jetzt, wo andere Orte um uns herum geöffnet werden, ist es fast noch schwieriger für uns“, sagt Zhang. „Wenn man weiß, dass andere schon wieder frei sind. Und es bei uns noch länger dauern wird.“ Fast ein Monat ist es her, dass Silja Zhang das letzte Mal draußen war. „Es ist wirklich wichtig, dass wir unsere Routine für den Tag beibehalten, aktiv bleiben. Aber mittlerweile müssen wir uns dafür sehr zusammenreißen.“
Der gestrige Besuch von Xi Jinping war völlig überraschend gekommen. Der Präsident besuchte Wuhan erstmals seit Beginn der Epidemie. Mit einer Schutzmaske sprach er via Videoschalte zu Ärzten und Patienten. Danach besuchte er ein Wohnviertel der Millionenmetropole, um mit unter Quarantäne stehenden Menschen zu sprechen. Chinesische Staatsmedien berichteten, in Wuhan seien mittlerweile alle 16 wegen der Coronavirus-Krise errichteten provisorischen Krankenhäuser wieder geschlossen.
Der sonst in den chinesischen Medien geradezu allgegenwärtige Xi hatte seit der starken Ausbreitung des Coronavirus ab Januar das Rampenlicht weitgehend gemieden. Adam Ni vom China Policy Centre in der australischen Hauptstadt Canberra zog aus den Bildern einen wenig schmeichelhaften Schluss: „Xi möchte nicht mit der Katastrophe in Verbindung gebracht werden, aber mit der Erholung.“ (mit afp)