München – Das Krisen-Instrumentarium der Kanzlerin ist so einfach wie effektiv: Minimum einen Meter Abstand halten, stets überprüfen, wer die Finger wie oft im Gesicht hat und der- oder demjenigen – ganz wichtig – lieber nicht die Hand geben. „Dafür eine Sekunde länger in die Augen schauen und lächeln“, sagt Angela Merkel (CDU). Ein bisschen Leichtigkeit darf sein in diesen Zeiten.
Es ist das erste Mal seit Ausbruch der Corona-Epidemie, dass die Kanzlerin sich öffentlich zur Krise äußert. Während Kollegen wie Emmanuel Macron in Frankreich oder Giuseppe Conte in Italien betont sichtbares Krisenmanagement betreiben, schickte Merkel bisher lieber Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor. Der ist auch gestern in Berlin dabei, spielt aber eher eine Nebenrolle. Alle schauen auf sie.
Merkel ist vage im Inhalt und beruhigend im Ton. „Wir werden das, was notwendig ist, tun“, sagt sie. Ja, das Virus sei in Deutschland angekommen und nein, es gebe bisher weder eine Therapie noch eine Impfung. „60 bis 70 Prozent der Bevölkerung werden sich infizieren, wenn das so bleibt“, sagt Merkel. Alle müssten mithelfen, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen und so Zeit zu gewinnen, um „das Gesundheitssystem nicht zu überlasten“.
Der Faktor Zeit ist dieser Tage besonders spürbar. Noch während Merkel spricht, wird bekannt, dass es ein drittes deutsches Todesopfer gibt und dass auch Berlin Veranstaltungen mit mehr als 1000 Gästen untersagt. Länder wie Bayern waren da schneller. Es brauche deutlich bessere Absprachen zwischen Bund und Ländern, sagt Merkel. Dezentrales Handeln sei zwar bisweilen von Vorteil. „Aber der Föderalismus ist nicht dazu da, dass man Verantwortung wegschiebt, sondern dass man sie übernimmt.“
Es ist nicht so, dass Merkel sich zuvor gar nicht mit dem Thema beschäftigt hätte. Sie ließ sich in den letzten Tagen regelmäßig von Spahn und ihrem Kanzleramtsminister Helge Braun unterrichten. Am Dienstagabend sprach sie vor der Unionsfraktion über Corona, danach klinkte sie sich in eine Videokonferenz mit den EU-Staats- und Regierungschefs ein. Aber ein Signal wie damals in der Finanzkrise, als sie die Einlagen von Sparern für sicher erklärte, das fehlte bisher.
Garantien gibt Merkel diesmal nicht. Stattdessen versucht sie es mit einem Appell. Alle, wirklich alle müssten mithelfen, das Virus einzudämmen und Risikogruppen zu schützen. „Da sind unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander schon auf eine Probe gestellt“, sagt sie. „Ich wünsche mir, dass wir diese Probe bestehen.“
Es sind Worte, die hängen bleiben könnten. Aber kommen sie zu spät? Zumindest passen sie zum Ausmaß der Krise. Neben Spahn und Merkel ist auch der omnipräsente Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, anwesend. Er betont einmal mehr, dass wir am Anfang der Epidemie stehen: „Sie wird Monate dauern, vielleicht auch Jahre.“ Einen Impfstoff werde es vor 2021 nicht geben. Umso wichtiger sei die Eindämmung des Virus, die in Deutschland bisher gut funktioniere. Auch deshalb seien die Zahlen noch so viel niedriger als in Italien.
Überhaupt: Italien. Es sei bedrückend, was dort passiere, sagt Merkel und kündigt an, mit Ministerpräsident Conte zu sprechen, womöglich auch über direkte Hilfen. Auch für die Wirtschaft stellt die Kanzlerin weitere Hilfen in Aussicht. Die Lage sei außergewöhnlich – was das für den Haushalt bedeute, werde man sehen. Klingt nach einer möglichen Lockerung der „Schwarzen Null“. Wichtig seien Liquiditätszusagen an kleine und mittlere Firmen.
Jens Spahn, der zuletzt so oft im Mittelpunkt stand, darf neben Merkel ein wenig verschnaufen. Stumm bleibt er selbstverständlich nicht. „Das Leben muss weitergehen“, sagt er, wenn auch mit einigen Einschränkungen. Man müsse jetzt die Balance zwischen beidem finden und erst mal auf das „verzichten, was leicht fällt“: Fußball, Konzerte, solche Sachen. Von Schulschließungen, die Bayerns Staatsregierung zumindest nicht ausschließt, hält Spahn wenig. Die Folgen für die Eltern seien zu weitreichend.
Auch das ist eine Botschaft dieses Tages: handeln, aber nicht überreagieren.
„Wir tun, was notwendig ist“
Weitere Hilfe für Wirtschaft geplant