Kastanies – Das Wasser fließt ruhig gen Süden, Vögel zwitschern. Plötzlich hallen Schreie über die Straße, die parallel zum Fluss Evros verläuft: „Gehen Sie sofort weg. Das ist militärisches Sperrgebiet!“ Zwei griechische Nationalgardisten, um die 50, verjagen jeden, der sich dem Fluss nähert. Es ist Alltag hier am Evros, seit Recep Tayyip Erdogan die türkische Grenze für Migranten öffnete.
„Die ganze Aktion ist von der türkischen Seite aus gut organisiert“, sagt ein Offizier des griechischen Militärs am Grenzübergang von Kastanies. In den ersten Märztagen kamen tausende Migranten zum Evros und versuchten, nach Griechenland überzusetzen. Inzwischen werden die Migranten per Lautsprecher informiert, dass die Grenze dicht ist. Doch es kommt immer wieder zu Ausschreitungen – zuletzt am Donnerstagabend. Migranten zündeten auf der türkischen Seite Feuer an, schleuderten Brandsätze und Steine auf die griechische Polizei. Die antwortete mit Tränengas und Wasserwerfern.
„In der Mehrheit sind diese Menschen nicht verfolgte Flüchtlinge. Sie leben schon seit Jahren in der Türkei, viele sprechen fließend Türkisch“, sagt der Offizier und bezieht sich auf eine Befragung hunderter Migranten, die es auf die EU-Seite geschafft haben. Die Türkei forciere die angespannte Lage, habe sogar Häftlinge an die Grenze geschickt, die wegen kleinerer Delikte eingesperrt waren.
„Hier ist der Fluss der Tränen“, sagt Maria, eine Anwohnerin des Dorfes Kastanies. Ihr Haus liegt rund 300 Meter von den Ausschreitungen entfernt. „Hier kommen jeden Tag die Tränengasschwaden herübergezogen. Ich bin alt und kann nicht weggehen“, sagt sie. Erdogan, schimpft sie, sei „durchgedreht“. Eine junge Frau sagt: „Er nutzt diese armen Menschen, um die EU unter Druck zu setzen.“ Offiziere der Grenzschutzagentur Frontex, die hier im Einsatz sind, sehen eine klare Veränderung der Situation. Nachdem zunächst Tausende entlang des Flusses versuchten, nach Griechenland überzusetzen, kommen nun nur noch einige Hundert am Tag. In der Nacht zum Freitag wurden nur knapp 900 Übergänge vereitelt.
Die Bewohner am Evros fragen sich, wie es weitergeht. Dazu gibt es zwei Szenarien, meint ein Polizist in der Regionalhauptstadt Alexandroupolis. Entweder, Erdogan lasse in den nächsten Wochen eine Gruppe von 7000 Migranten auf der türkischen Seite der Grenze ausharren. Diese könnten dann täglich zur Schau einen Ansturm auf den Grenzzaun unternehmen. Das zweite Szenario: Erdogan schickt hunderttausende Migranten auf den Weg Richtung Griechenland.
Alle warten darauf, was Erdogans nächster Schritt sein wird. Eins hat er bereits geschafft: Mit dem Zustrom von Migranten hält er den Großteil der griechischen Sicherheitskräfte auf Trab. Das kostet Athen Nerven und Geld.