Rom – Von allen EU-Ländern trifft die Corona-Krise Italien am härtesten. Ex-Ministerpräsident Matteo Renzi fordert die Nachbarn dazu auf, es besser zu machen als Rom. Im Interview spricht er über Fehler der Regierung im Umgang mit dem Virus, die Folgen der Krise – und darüber, warum gerade Italienern der Sicherheitsabstand so schwer fällt.
In Italien sind zwei Regionalpräsidenten und mehrere Parlamentarier Corona-positiv. Muss das Parlament geschlossen werden?
Nein, das Parlament bleibt geöffnet. Dies gilt verfassungsgemäß selbst in Kriegszeiten, auch wenn der Betrieb nun stark gedrosselt wird. Das Parlament ist das Zuhause der Demokratie.
Ganz Italien ist Sperrgebiet. Können derart drastische Maßnahmen die Demokratie gefährden?
Nein. Aber eine Pandemie ist ein Stresstest für unsere Demokratien. Die Chinesen sind bei der Bekämpfung des Virus so effizient, weil sie keine demokratische Verfassung respektieren müssen. Italien ist unter den europäischen Demokratien der erste Testfall…
…mit schon über 1000 Todesopfern. Was ist schiefgelaufen?
Es war ein Fehler, anfänglich Optimismus zu verbreiten, etwa in einer Stadt wie Mailand mit Slogans wie: „Wir machen weiter.“ Denn es handelt sich bei Sars-Cov-2 nicht um terroristische Attentate, denen man mit Aktivismus trotzen muss, sondern um ein Virus, dem du auf diese Weise noch eine zusätzliche Chance gibst.
Premier Giuseppe Conte hat auf Ihre Forderung hin einen Sonderkommissar für die Koordinierung des Gesundheitswesens berufen, warum?
Um in Zukunft weitere Fehler zu vermeiden. Einer der Fehler war es, anfänglich, in der Nacht zum letzten Sonntag, nur den Norden zum Sperrgebiet zu erklären und nicht ganz Italien, woraufhin zehntausende Italiener von ihren Wohn- und Studienorten in Norditalien in ihre Heimatregionen im Süden gereist sind, ohne jegliche Kontrolle.
Warum fordern Sie, die gesamte EU zur „Red Zone“ zu deklarieren?
Unsere Nachbarn sollten umgehend aus unseren Fehlern lernen. Tut alles, um das Virus zu stoppen. Die Kurve beim Anstieg der Infizierten in Deutschland ist der italienischen sehr ähnlich, was heißt, dass es in einer Woche in Deutschland vermutlich so viele Infizierte geben wird wie heute bei uns.
Italiens Städte sind wie ausgestorben, Läden, Hotels, viele Flughäfen und Fabriken sind dicht, Börsenkurse stürzen ins Unendliche. Wie soll Italiens Wirtschaft das überleben?
Wir brauchen finanzielle Liquidität. Diese Krise wird schlimmere Folgen haben als der 11. September und sie wird lange andauern. 25 Milliarden Euro, die die Regierung bisher für Hilfsmaßnahmen plant, werden nicht reichen.
Sie leben in Florenz, dessen Bürgermeister Sie früher waren und das vorwiegend vom Tourismus lebt. Wie sieht es dort aus?
Ich treffe täglich Mitbürger, die touristische Betriebe führen. Einige weinen ungeniert, weil sie nicht weiterwissen. Man würde sich aus Verzweiflung gerne in die Arme fallen, aber man darf es ja nicht. Unsere schönste Saison, das Frühjahr, ist bereits ruiniert. Ich glaube nicht, dass dies auch für den Sommer gilt. Wichtig ist nur, dass es Hotels, Restaurants und Läden dann noch gibt.
Werden die Italiener den Alltag mit dem Lockdown bewältigen?
Dieser Notstand stellt uns auf den Prüfstand: Wir sind ein Volk, das die körperliche Nähe liebt, sich umarmt, küsst, sich gerne die Hand reicht. Es fällt uns schwer, einen Meter Sicherheitsabstand einzuhalten und nicht mehr zum Parlieren auf die Piazza zu können, die Zentrum und Symbol unserer Lebensart ist.
Es gibt Revolten in Haftanstalten, Tote. Wie wollen Sie Unmut und Panik in der Bevölkerung verhindern?
Es gab zwölf Tote und der Chef der Haftanstalten muss gehen. Was alles andere betrifft, wiederhole ich: Italien braucht finanzielle Liquidität. Wer länger als zwei Monate keine Arbeit hat, wird schnell die Rate für den Hauskauf nicht bezahlen können. Auch die Banken brauchen Hilfe.
Wird es Engpässe bei Lebensmitteln geben?
Nein, die Lebensmittelproduktion wird aufrechterhalten.
Eine Strategie für die Zeit nach Corona?
Wir müssen unser Geschäftsmodell überdenken. Deutschland und in seinem Schlepptau Italien leben vom Export, auch nach China. Das wird sich ändern, weil Chinas Wachstum nun gebremst ist. In Europa werden wir in neue Infrastrukturen, digitale Revolution, künstliche Intelligenz, Gesundheitswesen, Forschung und Wissenschaft investieren müssen.
Was ist am dringendsten?
Das Virus bekämpfen – und besiegen! Ich bin übrigens optimistisch, dass es bald ein Medikament und auch einen Impfstoff geben wird.
Haben Sie selbst Angst?
Nein. Ich fahre jetzt nach Hause, freue mich, viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Leid tut es mir für meine Großmütter, eine 90, die andere 100 Jahre alt – ich darf sie vorerst nicht in den Arm nehmen.
Interview: Constanze Reuscher