WIE ICH ES SEHE

So bringt uns die Gefahr zusammen

von Redaktion

Die Geschichte Europas ist zugleich eine Geschichte von Seuchen, die wir besiegt haben. Lepra, Milzbrand, Tuberkulose, Cholera, Diphterie, Ruhr, Typhus und die Pest vor allem. Sogar Aids wurde dank großartigen wissenschaftlichen Fortschritts eingedämmt. So wird es ohne Zweifel mit dem neuen Coronavirus, das jetzt unsere Gesundheit, unsere Wirtschaft und Kultur bedroht, auch geschehen. Die Genetiker haben den genetischen Baustein des Virus bereits entschlüsselt. Die gute Nachricht ist, dass es sich um ein Virus handelt, das bisher konstant ist, seine Zusammensetzung nicht laufend ändert. Dadurch sollte es möglich sein, in den kommenden zwölf Monaten Gegenmittel zu entwickeln.

Bis dahin aber feiert alles fröhliche Urstände, was schon im Mittelalter zur Seuchenabwehr unternommen wurde, als man deren wahre Ursachen noch gar nicht kannte. Wie damals verordnen unsere städtischen und staatlichen Behörden vor allem „Isolierung und Quarantäne“. Viele Länder, wie im typischen Übereifer Präsident Trump für die USA, verhängen eine Einreisesperre. Ebenso befahl bereits 1374 die Stadt Venedig, die als Eingangspforte der Pest oft schwer betroffen wurde, bei pestverdächtigen Reisenden und Waren eine dreißigtägige Absonderung, die „Trentana“. Diese erfolgte auf der kleinen Insel „Isola di S. Lazaro“. Als man merkte, dass auch die dreißigtägige Isolierung nicht immer ausreichte, wurde sie 1377 zunächst in Marseille auf 40 Tage erhöht. Daher der Name „Quarantäne“, von „quaranta giorni = 40 Tage.

Kein anderer hat so anschaulich wie der Dichter Boccaccio die demoralisierende Wirkung der Pest geschildert, die seit jeher eine Begleiterscheinung großer Seuchen war. In seinem stilbildenden Werk „Das Dekameron“ schildert er, wie drei junge Herren und sieben junge Damen während der Epidemie aus Florenz geflohen sind und sich in völliger Abgeschiedenheit auf dem Lande in einer Villa niedergelassen haben. Zehn Tage lang vertreiben sie sich dort die Zeit durch Erzählen von zehn Geschichten an jedem Tag. Aus dem engen Beieinander junger Menschen während der schlimmsten Zeit ist eines der großen Werke der Weltliteratur entstanden.

Gottlob ist unser Coronavirus nicht mit den Schrecken früherer Seuchen zu vergleichen. Aber bedrohlich für Ältere und Geschwächte unter uns ist es doch. Demoralisierend ist es auch, wenn unsere Wirtschaft gebremst wird und kulturelle Veranstaltungen nicht stattfinden können. Unsere Politiker laufen zu neuer Hochform auf. Endlich können sie wieder etwas regeln, wo niemand ihnen widersprechen mag. So besteht die Gefahr, dass sie eher zu viel tun als zu wenig. Wo aber nun alle großen Veranstaltungen abgesagt werden und auch viele Reisen nicht mehr stattfinden, sind wir wieder mehr auf häusliche und nachbarschaftliche Kontakte angewiesen. Die Gefahr bringt uns wieder zusammen mit Menschen, an denen wir viel zu oft vorbeigehen. Das hat etwas sehr Gutes, auch wenn so leicht kein Boccaccio unter uns sein wird, der aus unseren Begegnungen in der Zurückgezogenheit dieser Tage unvergängliche Weltliteratur schmiedet.

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VON DIRK IPPEN

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