Ein Land im Bann des Virus

von Redaktion

Bayern ruft den Katastrophenfall aus. Die Grenzen schließen. Das öffentliche Leben wird reduziert, viele Geschäfte werden dicht gemacht, Restaurants eingeschränkt. Der Notfallplan soll weitere Infektionen verzögern. Es war nicht der letzte Schritt.

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER, WOLFGANG HAUSKRECHT UND CARMEN ICK-DIETL

München – Der Tag, an dem sich das Leben in Bayern dramatisch verändert, kommt so unauffällig daher, sonnig und sorglos. In den Städten sind die Cafés voll, die Menschen sitzen im Freien. Passanten schlendern auf dem Rückweg vom Wahllokal durch die Parks, die Eisdiele hat offen, es gibt Joghurt-Brombeer. Auf dem Weg zum Tegernsee herrscht der gewohnte Sonntags-Irrsinn, die Ausflügler stauen sich ab Kreuzstraße, im Bräustüberl ist wieder kein Platz frei. Für ein paar Stunden verdrängen die Bayern all die Nachrichten vom Virus. Und nur die wenigsten wissen, welch dunkle Wolken sich gerade über ihrem Alltag zusammenbrauen.

Ist das normal? Ist das Lebensfreude? Oder Trotz, ein „Jetzt-erst-recht“?

Nichts davon herrscht zeitgleich bei den Damen und Herren, die am frühen Nachmittag in der Münchner Staatskanzlei, vierter Stock, zusammenkommen. In der Regierungszentrale tagt der Krisenstab zum Coronavirus: die Minister für Gesundheit, Geld, Polizei, Wissenschaft, Wirtschaft, dazu Experten, der Ministerpräsident. Im Stundentakt erreichen düstere Nachrichten die Runde. Die Nachbarländer verschärfen die Ausgangssperre, Österreich sperrt jetzt alles, auch Kinderspielplätze. Die Zahl der Infektionen in Bayern steigt. Zwei neue Corona-Todesfälle von Senioren, später ein dritter. Nach kurzer Zeit ist der Runde klar: Was zum Schutz getan wurde, reicht nicht: Schulschließungen, Kita-Betretungsverbot, Besucher-Stopp im Altersheim.

Schon gegen 15 Uhr an diesem Sonntag, der Krisenstab tagt noch, dringen erste Meldungen nach draußen. Bayern wird ab sofort schrittweise heruntergefahren. Alle Bars und Clubs müssen schließen, alle Bäder, Kinos,sogar Zoos. Restaurants erhalten strenge Auflagen, eingeschränkte Öffnungszeiten und vielleicht Mindestabstände der Tische. Läden, die nicht Lebensmittel verkaufen, sollen schließen. Nur Supermärkte, Banken, Apotheken und Tankstellen bleiben sicher geöffnet. Alles Maßnahmen, die schon befürchtet hatte, wer aufmerksam ins Nachbarland Österreich schaut. Bayern zieht sie jetzt schneller als erwartet durch, ruft sogar für zunächst 14 Tage den Katastrophenfall aus. „Wir kämpfen mit dem Faktor Zeit“, heißt es aus dem Krisenstab, „wir müssen alles unternehmen, bevor die Infektions-Zahlen exponentiell nach oben schießen“.

Treibende Kraft: der Chef. Markus Söder beginnt den Tag in Nürnberg, Wahlgang um 8 Uhr, dann eilig Fahrt nach München. Wer mit Söder spricht an diesem Tag, erlebt einen Mann im Krisenmodus. Sehr ernst, nachdenklich, aber entschlossen, der Tragweite seiner Entscheidungen bewusst. Es sei eine „echt schwere Bewährungsprobe“, sagt er. Dann muss er schnell auflegen, die Kanzlerin ruft an.

Die Beschlüsse fallen nach einer Serie von Telefonaten mit Kollegen, Kommunalpolitikern, sogar höchsten Kirchenleuten. Der Anruf von Angela Merkel aus Berlin ist allerdings der wichtigste. Es ist eine Schaltkonferenz mit ihr, Bundesinnenminister Horst Seehofer, Söder in München und weiteren Politikern auf einer abhörsicheren Verbindung. Die Runde bespricht die dramatischste Entscheidung: die Grenzen ab Montagmorgen zu schließen. Nur noch heimreisende Deutsche werden durchgelassen, der Güterverkehr natürlich. Touristen und Einkäufer aus dem Ausland werden abgewiesen. Hamsterkäufe von Österreichern, Schweizern und Franzosen sind in deutschen Märkten nicht mehr erlaubt. „Die Kontrollen greifen ab 8 Uhr“, sagt Minister Seehofer am Abend mit gefurchter Stirn vor der Presse. „Reisende ohne triftigen Grund dürfen nicht mehr ein- und ausreisen. Die Lage ist sehr ernst. Wir müssen und werden reagieren.“ Pendler brauchen fortan eine Art Passagierschein.

Ja: Merkel lässt Grenzen schließen – an diesem Tag brechen vermeintliche Gewissheiten zusammen. Die Kanzlerin habe keinerlei Widerstand geleistet, heißt es in München, die Ministerpräsidenten aus Bayern und anderen Ländern baten inständig: „Wir müssen handeln.“

Söder wird heute Vormittag die Details seiner Schritte vorstellen. In einer virtuellen Pressekonferenz, ohne Presse, übertragen nur im Internet, Ansteckungsgefahr. Sicher ist: Die Pandemie verwandelt Bayern in ein anderes Land, und keiner weiß, wie lang. Die Schließungen der 6000 Schulen und 9800 Kitas, die heute beginnen, sind vorerst für fünf Wochen angesetzt. Söder macht auch klar: Das ist kein fixes Enddatum, nur ein Plan auf Sicht.

Für die Bayern heißt es auch: eine Prüfung, wie stark Solidarität und Gemeinsinn im Land ausgeprägt sind. Wer am Wochenende mit offenen Augen durch die Städte geht, erlebt nämlich nicht nur die sonnigen Stunden im Café. In den Krankenhäusern ist die Lage schon angespannt. Eine Oberärztin berichtet unserer Zeitung, man sei personell ohnehin schon auf Kante genäht. Wenn jetzt noch Kollegen an Corona erkranken würden, sei unklar, wie es weitergehe. Auf die verbleibenden Kollegen komme dann wohl ein Schichten-Marathon zu. Ein einziger Fall könnte für eine Kettenreaktion ausreichen.

Am Samstag strömen zu Hunderttausenden Menschen in die Supermärkte, um Vorräte zu kaufen. Ausgerechnet die Risikogruppe Senioren ist da am Morgen unterwegs. Meistens geht es höflich zu im Gedränge, manchmal aber auch bizarr. Fast unwirkliche Szenen spielen sich in Münchner Märkten ab. In den Einkaufswägen stapeln sich Brot, Toilettenpapier und Konserven. In einem großen Edeka steht um kurz vor 10 Uhr morgens nur noch ein kleines Tetrapak mit gewürfelten Tomaten im Regal, einsam und verlassen – bis auch danach eine Hand greift. „Wir haben jetzt kaum mehr Ware auf Lager“, erklärt ein Mitarbeiter, der palettenweise Pizza in die leere Kühltruhe einräumt. Obst und Gemüse, Fleisch und Wurst dagegen gibt es noch reichlich.

Haltbares ist gefragt in unsicheren Zeiten. In einem anderen Supermarkt wird es regelrecht grob. Ein Mann schubst eine Frau wortlos von seinem Wagen weg, wohl aus Angst, sie könnte was rausnehmen. Die Frau wollte den Wagen, zuoberst türmen sich sechs Packungen Toastbrot, nur zur Seite schieben. Ja, das ist rätselhaft: Im Café sonntags dicht an dicht zu sitzen, aber sich am Samstag um Wagenladungen Klopapier zu schubsen.

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