Miesbach – Olaf von Löwis sitzt in der ersten Reihe und studiert die Wand vor sich. Um ihn herum checken die Leute vom Fernsehen das Licht, ein Techniker aktualisiert eine Grafik, das ganz normale Gewusel, wenn ein Landrat gewählt wird. Das Endergebnis liegt in diesem Moment noch lange nicht vor, doch was Löwis da an Daten sieht, die an die Wand geworfen werden, muss ihn nicht nervös machen. Am Ende kommt der CSU-Kandidat für den Landkreis Miesbach auf 36,75 Prozent, rund neun mehr als der zweitplatzierte Amtsinhaber Wolfgang Rzehak von den Grünen. In zwei Wochen treffen sich die beiden in der Stichwahl wieder.
Im kleinen Maßstab sind bei dieser Wahl die Zustände ein bisschen so wie spätestens nächstes Jahr im Bund. Die Union kämpft gegen die Grünen – mit dem feinen Unterschied allerdings, dass im Landkreis Miesbach die CSU diesmal der Herausforderer ist. Vor sechs Jahren schaffte es ihr Kandidat nicht mal in die Stichwahl, aber das war damals auch kein Wunder. Der Kandidat hieß Jakob Kreidl und hatte als amtierender Landrat so viele Privilegien für sich reklamiert und so viele Affären losgetreten, wie man es sonst nur von Politikerfiguren in Fernsehserien kennt. Die Feier zu seinem 60. Geburtstag zum Beispiel kostete knapp 118 000 Euro, wovon Kreidl selbst aber nur einen vierstelligen Betrag bezahlte. Den größten Teil übernahm die Kreissparkasse. Verglichen damit waren die diversen Einladungen sowie die Skandale um eine abgeschriebene Doktorarbeit und einen Schwarzbau fast schon Fußnoten.
Als Kreidls Rückzug von allen Ämtern damals besiegelt war, war es bereits zu spät, um einen anderen Kandidaten zu benennen. Die kläglichen 16 Prozent für die CSU waren da sogar noch ziemlich viel. Man konnte das in den letzten Jahren leicht übersehen: Der Landkreis gilt in normalen Zeiten als Herzkammer der Christsozialen. Mit seinen Bergen, Seen und sanft gewellten Wiesen repräsentiert er ein Bayern, wie man es von Urlaubsprospekten und CSU-Wahlplakaten kennt. Hier ist der Freistaat eigentlich tiefschwarz, wenn sich nicht gerade ein Sündenfall wie 2014 ereignet. Den zu korrigieren, ist für die Partei in den letzten Monaten eine Frage der Ehre und des Selbstverständnisses gewesen.
Entsprechend groß war der Aufwand, wenn auch nicht so furchtbar viel größer als in normalen Zeiten, wo Miesbach eh schon ein beliebtes Ziel ist. Ministerpräsident Markus Söder war zu Gast, auch der Rest der Parteiprominenz gab sich die Klinke in die Hand. Allein in den vergangenen Wochen besuchte Innenminister Joachim Herrmann den Ortsverband in Warngau, Gesundheitsministerin Michaela Kaniber einen hochmodernen Kuhstall in Fischbachau. Und als Olaf von Löwis in Hausham neulich die Autos der Bürger wusch, griff auch Landtagspräsidentin Ilse Aigner – die in der Region ihren Stimmkreis hat – zu Schlauch und Schwamm. Söder wiederum hat dem Kandidaten für den Fall seiner Wahl bereits im Januar unverhohlen einen „relativ direkten Draht“ in die Staatskanzlei versprochen.
Präsenz ist immer nur das eine. Der andere Faktor ist das zur Wahl stehende Personal, erst recht nach einem Tiefpunkt wie dem Fall Kreidl. Von Löwis (65) – genauer gesagt: Olaf von Löwis of Menar – entstammt einem alten Adelsgeschlecht, hat in den vergangenen sechs Jahren die Marktgemeinde Holzkirchen als Bürgermeister weitgehend geräuschlos regiert und war zuletzt Sprecher der Landkreis-Bürgermeister. Er ist ein umgänglicher Typ, den Menschen zugewandt. Das hat ihm den Spitznamen „der große Umarmer“ eingebracht.
Mit dem Umarmen ist es in diesen Tagen freilich schwierig. Mehr als ein Abklatschen mit einem Mitarbeiter ist gestern Abend nicht drin, und es ist ja auch noch nichts gewonnen. „Die erste Etappe ist positiv ausgegangen“, sagt Löwis. In zwei Wochen wird man weitersehen, aber eines ist schon klar: Unterstützung durch die Partei wird es auf den letzten Metern nicht mehr geben. Die CSU hat den Wahlkampf abgebrochen. MARC BEYER/KATRIN HAGER