Wie sich Bayerns Kliniken rüsten

von Redaktion

Das Corona-Virus nimmt Deutschland und Bayern immer fester in seinen Griff. Der Freistaat bereitet sich auf einen Anstieg schwerer Verläufe vor. Die bayerischen Krankenhäuser sehen sich dabei besser aufgestellt, als es ihre Kollegen in Italien waren.

VON SEBASTIAN HORSCH

München – Mathematik spricht eine klare Sprache. Allein in der Nacht auf Montag stieg die Zahl der Corona-Infektionen in Bayern um 150 auf über 1000 an. „Wenn es rechnerisch so weitergeht, hätten wir bis zum nächsten Wochenende schon mehrere tausend Fälle“, sagt gestern Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml. Bei unverminderter Ausbreitung könnte in Bayern bis Monatsende eine Zahl von über 10 000 Infektionen erreicht sein. Ein Szenario, das – zu Ende gedacht – in einer völligen Überlastung der Krankenhäuser enden könnte, wie sie Italien in einigen Regionen erleben muss.

Um die Kliniken im Freistaat dagegen zu rüsten, befindet sich Siegfried Hasenbein gerade zu „100 Prozent im Krisenmodus“. Für den Chef der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG) geht es vor allem darum, Kapazitäten zu schaffen, insbesondere auf den Intensivstationen. Planbare Operationen werden deshalb so gut es geht aufgeschoben. Zwar gebe es zum Beispiel Krebspatienten, die man auch jetzt nicht warten lassen könne. Aber: „Was verschiebbar ist, wird verschoben“, sagt Hasenbein unserer Zeitung.

Die mehr als 350 Krankenhäuser in Bayern sollen sich nun alle auf die Corona-Krise konzentrieren. Darüber hinaus versucht die Staatsregierung, zusätzliche Räume zu schaffen. Ministerpräsident Markus Söder bittet sogar Schönheitschirurgen und die plastische Chirurgie, freie Kapazitäten zu melden, die für Corona-Patienten genutzt werden können. Auch allgemeine Arztpraxen und Rehakliniken werden einbezogen, Unikliniken komplett von Forschung auf Versorgung umgestellt. Gesundheitsministerin Huml hält im Extremfall auch temporäre Notfallkliniken in Messehallen für denkbar: „Wir müssen uns auf alles vorbereiten.“

Noch ist es nicht so weit. Knapp 4000 Intensivbetten gibt es in Bayern. Das seien „im Bundesvergleich relativ viele“, sagt BKG-Chef Hasenbein, „und wir sind gerade dabei, die Zahl aufzubauen und die vorhandenen Betten freizuhalten“ – etwa indem nicht dringende Eingriffe abgesagt werden, die eine anschließende Intensivversorgung nötig machen würden.

Gleichzeitig versucht die Staatsregierung zusätzliche Beatmungsgeräte zu beschaffen. Etwa 1000 Stück habe man in den vergangenen Tagen bereits erwerben können, sagt Huml gestern. Vom Bund werde Bayern weitere erhalten. BKG-Chef Hasenbein weist darauf hin, dass die Krankenhäuser unter anderem auch dringend zusätzliche Überwachungsmonitore und Labortests benötigen.

Doch es geht nicht nur um Räume und Geräte. Schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise hatten viele Kliniken mit einem chronischen Personalmangel zu kämpfen, der sich nun zuspitzt. Hasenbein sieht deshalb eine entscheidende Herausforderung darin, das Personal in den Krankenhäusern im Dienst zu halten. Wichtig sei, dass Hilfskräfte die geschulten Fachkräfte von einfacheren Tätigkeiten entlasten. Auch Medizinstudenten sollen nun für die Gesundheitsversorgung angestellt werden, gab Söder gestern bekannt, ebenso Ärzte im Ruhestand und Mediziner in Elternzeit.

„Gleichzeitig müssen wir das Personal bestmöglich vor Ansteckungen schützen“, sagt Hasenbein. Es sei deshalb „inakzeptabel“, dass von Klinik-Besuchern zuletzt immer wieder Desinfektionsmittel aus Krankenhäusern gestohlen worden sei und sogar dort angebrachte Spender aus den Verankerungen gerissen wurden. Einige wenige Krankenhäuser stünden nun tatsächlich vor dem Problem, dass ihr Vorrat an Schutzausrüstung – besonders an Atemschutzmasken – knapp wird. Er habe allerdings gehört, dass das Gesundheitsministerium womöglich noch diese Woche für Nachschub sorgen kann, sagt Hasenbein.

Wie man aber damit umgehen soll, wenn sich in größerer Zahl Klinikpersonal ansteckt, darauf hat Hasenbein derzeit selbst noch keine Antwort. In einer solchen Ausnahmesituation könne man schließlich „nicht einfach ein ganzes Krankenhaus in Quarantäne schicken“.

Trotz all dieser Schwierigkeiten sieht Hasenbein Bayerns Krankenhäuser vergleichsweise gut gerüstet. „Wir sind sicher nicht entspannt, denn die Lage ist sehr ernst und es wird weitere Todesfälle geben“, sagt der BKG-Chef zwar. Aber der Freistaat sei mit seinen Vorbereitungen früher dran, als es die Italiener waren, und die jetzt ergriffenen Maßnahmen seien einschneidend. „Ich bin optimistisch, dass wir es in Bayern deutlich besser schaffen als in Italien.“

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