Der andere Plan: Schwache wegsperren, Starke erkranken lassen

von Redaktion

Bei der Strategie der gezielten Infizierung werden Risikogruppen isoliert, alle anderen sollen Immunität aufbauen

München – Um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen, geht Deutschland einen Weg, den die meisten wählen, aber nicht alle. Einfach ausgedrückt sind zwei Routen denkbar: Entweder alle Menschen isolieren und abwarten. Oder nur Hochrisikogruppen isolieren und die anderen erkranken lassen.

Länder wie Italien, Frankreich und Deutschland fahren das öffentliche Leben herunter. Nur rausgehen, wenn unbedingt nötig; Freizeitstätten schließen, um Sozialkontakte einzudämmen. Dadurch soll verhindert werden, dass das Gesundheitssystem überlastet wird.

Die Niederlande und bis vor Kurzem auch Großbritannien entschieden sich für eine andere Strategie: „Herdenimmunität“ ist das zentrale Stichwort. Dabei geht es um die kontrollierte Infizierung eines Großteils der Bevölkerung. Der Grundgedanke: Nach heutigem Kenntnisstand verläuft die Erkrankung Covid-19 bei den meisten jüngeren und fitten Menschen nur mit leichten oder gar ohne Symptomen. Nachhaltige Gesundheitsfolgen scheinen unwahrscheinlich. Außerdem gehen Befürworter dieses Konzepts davon aus, dass infizierte Personen nach der Erkrankung immun sind. Je mehr Menschen Immunität aufbauen, desto geringer ist die Gefahr, andere anzustecken.

Damit sollen vor allem Ältere und chronisch Kranke geschützt werden. Bei ihnen verläuft die Krankheit häufig schwerer, in der Risikogruppe gibt es mehr Todesfälle. Daher sollen diese Personenkreise für längere Zeit Wohnung, Haus oder Heim nicht verlassen, während alle andere die Herdenimmunität aufbauen.

Bei der praktischen Umsetzung gibt es jedoch einige Knackpunkte. Zum einen ist entscheidend, welche Altersgrenze gezogen wird. In Großbritannien deuteten Aussagen des Gesundheitsexperten und Regierungsberaters Patrick Vallance darauf hin, dass die Regierung den Immunitätsgedanken verfolgte. Erst seit dieser Woche scheint eine Kehrtwende einzutreten: Massenveranstaltungen sollen vermieden werden, Bürger von zuhause arbeiten. Am Freitag schließen die Schulen.

Laut des britischen Gesundheitsministers Matt Hancock gehört es dennoch zu dem Aktionsplan, demnächst Rentner zu isolieren. Großbritannien zieht hierbei die Altersgrenze bei 70 Jahren. Für Betroffene liegt die Sterberate bei über sieben Prozent.

Außerdem plant das Land die Maßnahmen aktuell für bis zu vier Monate. Unklar ist, wie festgestellt werden kann, wann „die Herde“ immun ist und für Ältere und Kranke keine Gefahr mehr besteht, die Isolation zu verlassen.

Auch in den Niederlanden setzte Ministerpräsident Mark Rutte auf das alternative Konzept. An die Nation gewandt sagte er, man werde immer wieder schauen, welche Maßnahmen nötig seien, wolle aber einen „weitgehenden Fortbestand des normalen Lebens“ erreichen.

Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sehen den Ansatz kritisch: „Das Virus ist noch nicht lange genug in unserer Bevölkerung, um zu wissen, was es immunologisch macht“, sagte WHO-Sprecherin Margaret Harris am Wochenende dem Nachrichtensender BBC. Womöglich sind Betroffene nur kurzzeitig immun. Bisher wisse man noch zu wenig. CINDY BODEN

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