„Es ist ernst – nehmen Sie es auch ernst!“

von Redaktion

Bundeskanzlerin Merkel wendet sich an die Bürger, macht Hoffnung, stimmt aber auch auf weitere Härten ein

Berlin – Die ersten Andeutungen gibt es am Vormittag. Angela Merkel, heißt es, werde am Abend eine Fernsehansprache zur Corona-Krise halten. Öffentliche Auftritte sind bei ihr Alltag, dennoch schlägt die Ankündigung enorme Wellen und weckt gewisse Erwartungen – auch Befürchtungen. Dass die Kanzlerin sich im Fernsehen an die Nation wendet, kommt im Normalfall nur bei ihrer Neujahrsansprache vor. Der gestrige Abend markiert die erste Ausnahme in über 14 Jahren.

Ein Sprecher beruhigt dann rasch, der Auftritt diene nicht dem Zweck, neue Einschränkungen zu verkünden. Merkel wolle vielmehr an die Bevölkerung appellieren, sich an den Schutzmaßnahmen zu beteiligen. Das ist kein neuer Gedanke, aber die Bitte um Solidarität, um Geduld und Verständnis auch für drastischste Maßnahmen, das ist eine Botschaft, die die Politik in diesen Zeiten nicht oft genug formulieren kann.

Wie ernst die Zeiten sind, macht Merkel mit Nachdruck klar. „Seit dem Zweiten Weltkrieg“ habe es keine Herausforderung an die Deutschen gegeben, bei der es so sehr „auf unser gemeinsames solidarisches Handeln“ angekommen sei. Für jemanden wie sie, der durch die ostdeutsche Herkunft ein spezielles Verhältnis zu Reise- und Bewegungsfreiheit hat („ein schwer erkämpftes Recht“), seien Beschränkungen nur dann zu rechtfertigen, wenn es gar nicht mehr anders ginge. Nun ist es so weit. Die Einschnitte seien „unverzichtbar, um Leben zu retten“.

In den ersten Corona-Wochen war Merkel irritierend unsichtbar geblieben. Seit aber die Ereignisse sich überschlagen und die Fallzahlen in die Höhe schnellen, ist sie dauerpräsent. An Deutlichkeit lässt sie es auch gestern nicht mangeln: „Es ist ernst – nehmen Sie es auch ernst!“ . Die Vorstellung der Bürger von Normalität werde „auf die Probe gestellt wie nie zuvor“, und auch für die gebeutelte Wirtschaft findet sie Worte, die der Einordnung sicher dienen, aber nicht der Beruhigung. Für die Firmen sei „es jetzt schon sehr schwer. Die nächsten Wochen werden noch schwerer.“

Es gibt auch in dieser Rede einen Wir-schaffen-das-Moment, aber in einer vorsichtigeren Formulierung. Sie glaube fest daran, sagt Merkel, „dass wir diese Aufgabe bestehen“ – unter einem Vorbehalt: „Wenn wirklich alle Bürgerinnen und Bürger sie als ihre Aufgabe begreifen.“ Im Redemanuskript steht „IHRE“ in Großbuchstaben.

Es ist eine starke Ansprache, sehr klar und eindringlich. Merkel redet den Deutschen ins Gewissen (Vorratshaltung ist sinnvoll, Hamstern unsolidarisch) und rühmt die gar nicht so heimlichen Helden, die Ärzte, Pflegekräfte und Supermarkt-Angestellten, die die Kliniken und überhaupt den ganzen Laden am Laufen hielten. Niemand weiß momentan, wie sehr Engagement und Leidensfähigkeit noch strapaziert werden müssen. Merkel wird sich aber wünschen, dass bis zur nächsten Ansprache an die Nation eine ganze Weile vergehen wird. Bis zum 1. Januar 2021. MARC BEYER

Artikel 7 von 11