München – Kurt Bäumler weiß nicht weiter. Seit Ende Januar sucht er einen Pflegeplatz für seine bettlägrige Mutter. Nach einer Reha befindet sich die 89-Jährige in einer Klinik im Landkreis Erding. Die Kasse übernimmt die Kosten nur noch für wenige Tage, danach muss die schwer kranke Frau die Klinik verlassen, oder selbst bezahlen – 250 Euro am Tag,. Mindestens 40 Pflegeheime hat er bereits angefragt, sagt Bäumler. „Aber es ist kein freier Platz zu finden.“ Und seit die Corona-Krise ausgebrochen ist, ist alles noch schwieriger. „Ich darf jetzt nicht einmal mehr zu meiner Mutter, um sie zu besuchen“, sagt Bäumler. Er überlegt bereits, wie er zuhause in Fürstenfeldbruck umbauen kann, um seine Mutter erst einmal zu sich zu holen. „Aber, ob ich dann einen ambulanten Pflegedienst finde?“ Erste Nachfragen brachten Absagen.
Immerhin wurde ihm zuletzt ein Kurzzeitpflegeplatz ab 30. März zugesagt, der für ein paar Wochen Druck aus der Situation nehmen könnte. Doch Bäumler hat Angst, auch diesen Strohhalm wieder zu verlieren. Denn er fürchtet einen Aufnahmestopp, wenn das Virus sich ausbreitet.
Mit seinen Problemen sei Bäumler derzeit „kein Einzelfall“, sagt Peter Bauer (Freie Wähler). „Die Situation ist eine Katastrophe“, fasst der Patienten- und Pflegebeauftragte der bayerischen Staatsregierung zusammen. Der Freistaat habe zwar zuletzt viel getan, um die Pflege und insbesondere die Kurzzeitpflege zu stärken. Einer Krise solchen Ausmaßes hielten diese Maßnahmen aber nicht stand. Lösungen, die alle zufriedenstellen, seien deshalb oft nicht mehr möglich. Das Angebot an Pflegeplätzen sei noch stärker eingeschränkt als ohnehin schon, auch weil man mit einer weiteren Zuspitzung rechnen müsse. „Die Kapazitäten werden sehr eng“, sagt Bauer.
Deshalb gehe es nun darum, zu priorisieren. „Weniger dramatische Fälle müssen sich hinten anstellen, oder sich anders behelfen“, sagt Bauer. Das bedeute auch, dass sich die Familien und das soziale Umfeld nun noch stärker selbst um ihre Angehörigen kümmern müssten. „Wir müssen eine soziale Gesellschaft sein“, sagt Bauer. Wenn sich die Krise tatsächlich noch bis Mai oder länger hinziehe, könne das sogar bedeuten, „dass noch ganz andere Notfallmaßnahmen ergriffen werden müssen“. Das geplante bayerische Infektionsschutzgesetz würde es theoretisch möglich machen, Menschen für bestimmte Tätigkeiten heranzuziehen – also auch zur Unterstützung der Pflege, deutet Bauer an. Tatsächlich können Bürger laut Entwurf verpflichtet werden, „Dienst-, Sach- und Werksleistungen“ zu erbringen, um den Notstand zu überwinden.
Dieser Notstand droht bald in den Heimen anzukommen. Es herrsche „absolute Alarmstimmung“, berichtet Joachim Görtz, der die Landesgeschäftsstelle des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste leitet. „Jedes Haus ist mit Notfallplänen beschäftigt.“ Und sämtliches vorhandenes Personal werde gebraucht, „um die zu versorgen, die bereits da sind“. Es gehe nun darum, Druck von den stark geforderten Pflegekräften in den Häusern zu nehmen, „damit sie lange und gesund arbeiten können“. Nicht zuletzt, um möglichst wenige Bewohner an die absehbar ohnehin überlasteten Krankenhäuser abgeben zu müssen. Angesichts dieser „dramatischen Lage“ würden zwar nicht alle Neuaufnahmen abgelehnt, aber es sei noch einmal deutlich schwieriger geworden, einen Platz zu finden.
Görtz fürchtet zudem, dass sich die „denkbar schlechte“ Regelung des Freistaats bei der Kinderbetreuung bald negativ auswirken könnte. Denn eine Notbetreuung gebe es nur für die Kinder alleinstehender Pflegekräfte, oder wenn beide Eltern in der Pflege arbeiten. Alle anderen würden mit diesem Problem im Stich gelassen. „Hier muss die Staatsregierung unbedingt nachbessern.“
Dazu kommt: „Uns allen geht die Schutzausrüstung aus.“ Ein Problem, auf das auch die ambulanten Pflegedienste hinweisen. Es sei gut, dass die Staatsregierung angekündigt habe, bald für Nachschub zu sorgen, sagt Görtz. Wichtig sei aber, dass die Ausrüstung schnell verteilt wird, sobald sie da ist. „Wir brauchen keinen Zwischenlieferanten. Wir bieten an, die Sachen direkt selbst zu verteilen.“
Nicht für alle Pflegekräfte gibt es Kinderbetreuung