WIE ICH ES SEHE

Den Sisyphus-Stein rollen im Zeichen der Seuche

von Redaktion

Die Kanzlerin hat gesprochen, die Ministerpräsidenten ebenso. Es ist ernst, sehr ernst sogar, lässt die Politik uns wissen. Diese Krise macht Schwächen offenkundig, die schon lange da sind. Es fehlt an Pflegekräften, unser Krankenhaussystem wurde über Jahre heruntergefahren. Jetzt gibt es zu wenig Intensivbetten. Nach den Versäumnissen, die das bewirkt haben, mag jetzt niemand fragen. Aber die Autorität der Regierung, die schon zu zerbröseln drohte zwischen links und rechts außen, ist gestärkt. Das gibt Hoffnung in der Krise.

Ob es wirklich notwendig war, Geschäfte zu schließen, Grenzen zu sperren, sogar Ausgehverbote zu verhängen? Dafür spricht, dass durch ein Unterbinden sozialer Kontakte die Verbreitung des Virus verlangsamt werden dürfte. Wir gewinnen also Zeit, die Kliniken werden nicht überfordert und wenn ein Gegenmittel gegen das Virus gefunden wird, sind wir gerettet – für dieses Mal. Ganz verschwinden wird das Virus vermutlich nicht.

Es ist leicht, die Wirtschaft durch Verbote herunterzufahren. Sehr viel schwerer wird es sein, alles wieder in Gang zu bringen. Wir stehen vor einer massiven Wirtschaftskrise. Die Politik hat das erkannt. Zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie versprechen die Regierungen Geld ohne Ende. Wichtiger ist es, dass die Veränderung von Rahmenbedingungen begonnen hat.

Um die bevorstehende beispiellose Pleitewelle vor allem kleinerer Unternehmen zu vermeiden, ist die befristete Aussetzung der Insolvenzgründe Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung durchaus vernünftig. Ebenso die Entlastung der Unternehmen bei den Lohnkosten durch großzügigere Kurzarbeitsregelungen. Das wird unübersehbare Milliarden Zahlungen bedeuten, hauptsächlich an Großunternehmen; Lufthansa und die Autoindustrie lassen grüßen. Wer so viel Geld ausgibt, sollte Luxusprojekte, die uns schwächen, zurückstellen. Die bevorstehende Abschaltung der Kernkraftwerke ist nur ein Beispiel dafür.

Dafür gilt es, die Nachfrageseite zu stärken, sobald die Geschäfte wieder öffnen dürfen. Der richtige Weg dazu wäre eine vorübergehende Abschaffung der Mehrwertsteuer, am besten in der gesamten EU. Das würde schnell und ohne großen bürokratischen Aufwand zu einem Nachfrageschub führen und unsere Unternehmer motivieren, ihre gewerbliche Tätigkeit zügig wieder aufzunehmen. Im Jahre 2019 betrug das Aufkommen der Umsatzsteuer 243 Milliarden Euro. Die Aussetzung für ein halbes Jahr würde den Staat „nur“ 120 Milliarden Euro kosten.

Das passende Buch zur Coronakrise ist der 1947 erschienene Roman „Die Pest“ von Albert Camus. Es schildert den Verlauf der Pestseuche in der algerischen Stadt Oran. Zuerst spotten die Einwohner über die Maßnahmen der Behörden, aber die Seuche grassiert, die Stadt wird abgeriegelt. Einige Menschen aber überwinden ihre Ängste und handeln entschlossen, allen voran der Arzt Dr. Rieux.

Unsere Corona-Pandemie ist gottlob keine Pest. Aber auch für uns gilt das Positive, zu dem Camus uns aufruft: zu Bescheidenheit, zu Nächstenliebe und zum Handeln wie ein Sisyphus, der den Stein immer wieder hochrollt. Und darüber steht die Erkenntnis, dass es an den Menschen sehr viel mehr zu bewundern als zu verachten gibt. Und Sisyphus dürfen wir uns vorstellen als glücklichen Menschen.

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VON DIRK IPPEN

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