Rom – Es sind entscheidende Tage für Italien. Für diese Woche erwarten die Experten des italienischen Zivilschutzes erste Signale, dass die harten Quarantänemaßnahmen im Land endlich Wirkung zeigen. Vor exakt einem Monat wurden die ersten Ausgangssperren in Norditalien verhängt, seit zwei Wochen ist ganz Italien ein Sperrbezirk. Am Wochenende gab es in dieser Hinsicht erste Hoffnungsschimmer. Zwar nehmen die Infektionen mit Coronavirus in Italien weiter zu, doch die Tendenz hat sich erstmals verlangsamt, die Kurve steigt weniger stark an.
Angesichts der Annahme italienischer Mediziner, die Inkubationszeit des Coronavirus betrage fünf bis zwölf Tage, könnten die Sperrmaßnahmen erstmals Wirkung zeigen. Statt 800 Toten durch Covid-19 wie noch am Samstag, der Höchstzahl von Opfern an einem Tag, wurden am Sonntag 651 Opfer gezählt, am Montag 601. Die erfassten Neuansteckungen gingen von 6557 am Samstag auf 5560 am Sonntag zurück, am Montag waren es 4789. Insgesamt gab es in Italien bis Montag 64 000 registrierte Ansteckungen.
Vorsichtiger Optimismus macht sich breit. „Wir müssen noch zwei, drei Tage abwarten, um belastbare Hinweise dafür zu bekommen, dass die Quarantänemaßnahmen Wirkung zeigen“, sagte Franco Locatelli, Chef des italienischen Gesundheitsamts. In der besonders betroffenen Region Lombardei hatten sich die registrierten Neuansteckungen von Samstag auf Sonntag gar halbiert und gingen nun weiter zurück. In der norditalienischen Region sind 3776 Todesopfer zu beklagen, mehr, als es offiziell in China sind.
In Bergamo, wo die Neuansteckungszahlen zuletzt um 50 Prozent gesunken waren, errichten Gebirgsschützen ein Feldlazarett mit 170 Betten. In Mailand wurde ein Hotel für Personen in Quarantäne umgewandelt, um Plätze in den Kliniken freizumachen. In einigen Tagen soll das Notkrankenhaus auf dem Messegelände in Mailand fertig sein. „Die Beatmungsgeräte werden geliefert“, sagte Giulio Gallera, Gesundheitsreferent der Region. Im Hafen von Genua funktionierte man ein Schiff zu einer Klinik für Genesende um.
In Norditalien bleibt die Lage dennoch kritisch, auch weil sich hier sowohl der Wirtschaftsmotor Italiens als auch der größte Infektionsherd befinden. Die Gewerkschaft der Metallmechaniker in der Lombardei kündigte für Mittwoch einen Streik an. In der Luftfahrt legten bereits am Montag Beschäftigte die Arbeit nieder, um gegen mangelnde Sicherheitsmaßnahmen zu protestieren. Die Arbeiter wehrten sich damit gegen ein am Sonntag in Kraft getretenes Dekret der Regierung, mit dem Ministerpräsident Giuseppe Conte die Wirtschaftsaktivität Italiens auf ein Minimum herunterfahren wollte, um Ansteckungen zu reduzieren. Auf Druck des Arbeitgeberverbandes Confindustria wurden aber zahlreiche Branchen von der Regelung ausgenommen. So dürfen neben Pharma- und Lebensmittelbranche auch die Chemie-, Textil-, Reifen-, Bau- und Metallbranche weiter aktiv sein.
„Wenn wir die nicht notwendigen Branchen, also 70 Prozent der Aktivitäten schließen, bedeutet das einen monatlichen Verlust von 100 Milliarden Euro“, sagte Confindustria-Präsident Vincenzo Boccia. Von einer ökonomischen Notlage schlittere man nun in eine „Wirtschaft wie in Kriegszeiten“. FiatChrysler kündigte an, in einem Betrieb eine Million Atemschutzmasken zu produzieren. Ferrari plant die Herstellung von Beatmungsgeräten.
Am Sonntag hatte die Regierung zudem die Bewegungsfreiheit weiter eingeschränkt. Einem Dekret zufolge dürfen die Italiener nicht mehr ihren Aufenthaltsort verlassen, es sei denn für dringende Arbeitsaufträge oder aus gesundheitlichen Gründen. Bislang war es etwa erlaubt, zur Meldeadresse zurückzukehren. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Mit der Maßnahme soll im Zuge der Fabrikschließungen verhindert werden, dass süditalienische Arbeiter massenhaft aus dem Norden in ihre südliche Heimat zurückkehren.