München – Plötzlich sind die Rollen vertauscht. Später Sonntagabend, Markus Söder ist einer ARD-Talkshow zugeschaltet, Frage um Frage rollt auf ihn ein: Wer sich durchgesetzt habe in welchem Streit, ja, ob er nicht der allerhärteste Corona-Bekämpfer sei? Söders Aufstieg über Jahrzehnte vollzog sich in Wellen von Kampf, Streit und Sieg, meist mahnten die Journalisten, es müsse doch mehr um die Sache gehen. Nun schaut Söder auf Moderatorin Anne Will, er trägt Augenringe wie Lastwagenräder, blinzelt, wirkt müde. Und fragt zurück: „Finden Sie diesen Maßstab wirklich der Sache angemessen, wenn’s um Leben und Tod geht?“
Wenn ausgerechnet der König der Machtpolitiker matt zur Mäßigung ruft, ist einiges durcheinandergepurzelt in der Politik. Im Schatten der Coronakrise lösen sich innenpolitische Trends auf. Das betrifft Söder selbst. Er hat sich in den letzten Tagen mit entschlossenem Handeln in Bayern und angemessenen Worten einen Ruf als seriöser Krisenmanager erworben. Lob kommt aus Richtungen, die nie zu vermuten waren: Die Grünen stützen ihn, in den sonst hasserfüllten „sozialen“ Netzwerken prasselt Zuspruch auf ihn ein. Virologen loben ihn. Von einem „Lichtblick“ schreibt der des Jubelns unverdächtige „Spiegel“: „Söder ist ein Beleg dafür, wie gut Föderalismus sein kann, auch in der Krise.“ Die „Welt“ titelt „Der neue Söder“, die „Zeit“ kniet gar vor „Super-Söder“ nieder, der „die Rolle seines Lebens gefunden“ habe.
Vor allem ist der Bayer, 53, schlagartig zum Bundespolitiker geworden. Turnusgemäß koordiniert er die Ministerpräsidenten. In der Praxis gibt er schlicht den Kurs vor, sie folgen eilig. So lief es bei den Schulschließungen und bei den Ausgangsbeschränkungen. Jetzt, wo im Land eine Welle von Corona-Toten ansetzt, wo die drastischste Freiheitsbeschränkung der Nachkriegszeit gilt, wirkt es kleinteilig, Karrierechancen zu sondieren. Klar ist aber: Die Karten in der Union werden alle neu gemischt.
Die Aspiranten um den CDU-Vorsitz sind angeschlagen: Um Norbert Röttgen wurde es still, Friedrich Merz erholt sich in Quarantäne von einer Covid-19-Erkrankung, Fieber und Schmerzen sinken langsam. Armin Laschet, der bisher aussichtsreichste Bewerber, agiert zögerlich. Er, der Regent des Corona-Hotspots Heinsberg, der Mann mit offenen Bundes-Ambitionen, wirkt wie ein Getriebener der Söder-Entscheidungen. Aus dem eigenen Land kommen Vorwürfe, er kümmere sich zu wenig. Nach dem Eklat in der Telefonkonferenz der Ministerpräsidenten am Sonntagnachmittag ist nun auch das Tischtuch mit der CSU zerschnitten. „Der Laschet hat sich gerade rausgeschossen“, heißt es in der CSU-Landesgruppe.
Gleichzeitig bilden sich unter den Ministerpräsidenten neue Achsen. Söder und der grüne Südwest-Regent Winfried Kretschmann stimmen sich eng ab. Ebenso das Saarland, von den Bayern bisher als besserer Mini-Landkreis unterschätzt. Aus dem Norden kommt CDU-Mann Daniel Günther hinzu, den die CSU neulich noch als „Genosse Günther“ veralberte und das nie liebevoll meinte. Jetzt eint ihn und Söder: Ihre Länder haben eine Außengrenze. „In der Krise zählen nicht Parteien, es zählt Geografie“, analysiert der „Spiegel“.
Wobei sich auch die Parteien verschieben: Im Februar beherrschte der Machtkampf um die Union die Schlagzeilen, während in den Umfragen die Grünen immer näher rückten. Auch das ist gebrochen. Im Forsa-Trendbarometer (für RTL/ntv) steigt die Union um drei Punkte auf 32 Prozent, die CSU in Bayern sogar auf 41. Die anderen Parteien im Bund halten Abstand: Grüne (20), SPD (15), FDP (7), die AfD rutscht auf 9, die Linke ebenso. In einer weiteren Umfrage strahlen Söder und Kanzlerin Merkel als beliebteste Politiker des Landes.
Von einer schnellen Neuwahl vor Herbst 2021 spricht ohnehin niemand mehr. Aus Berlin ist stattdessen Geraune zu hören, ob man in diesen Zeiten nicht doch eine weitere Merkel-Amtszeit brauche. Oder ob Söder jetzt eh Kanzler werde? Oder ein ganz neuer Name auf der Kandidatenliste auftauche?
Söder hat derzeit drängendere Fragen zu beantworten. Überheblich wirken er und seine Leute nicht, eher überarbeitet. Momentan gibt es Jubel für sein rigides Vorgehen. Folgt Kritik, wenn die Neuinfektionen sich nicht bald abflachen, wenn kein Ende der Sperren in Sicht ist, wenn sich die Nachrichten von Toten und von überlasteten Kliniken häufen? In Söders Umfeld heißt es knapp: „Das Positive kann so flüchtig sein.“