Ältere Menschen isolieren und alle Jüngeren wieder in die Normalität lassen – Forderungen wie diese haben Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer und Verleger Jakob Augstein erhoben.
Dabei schwingt die Hoffnung mit, dass sich jüngere Menschen in der Normalität schnell immunisieren. Doch sind dies Forderungen, die sich als nicht zielführend entpuppen. Wer sich die Zahlen der WHO oder jene aus den USA anschaut, stellt fest, dass alle Altersklassen vom Coronavirus betroffen sind und immer häufiger auch Jüngere schwerer erkranken.
Wer aber sollte sich um die isolierten Älteren noch kümmern – von denen viele versorgt werden müssen –, wenn die Jüngeren wegbrechen? Oder möglicherweise die Senioren infizieren?
Forderungen nach zwanghafter Isolierung bestimmter Gruppen entspringen einem kalten ökonomischen Denken und weniger dem Wunsch nach Fürsorge. Sie stigmatisieren eine Gruppe, die immerhin ein Viertel unserer Bevölkerung ausmacht.
Freilich geht es um effektiven Gesundheitsschutz, doch sollten wir in dieser Krise bei aller Einschränkung der Grundrechte nicht noch weiter übers Ziel hinausschießen. Ältere Menschen brauchen unsere besondere Aufmerksamkeit, besondere Betreuung. Wer soll das leisten, wenn wir sie wegsperren und schon heute überall Pflegepersonal fehlt? Und wer entscheidet, wer als alt gilt, wer als Risiko?
Das Infektionsschutzgesetz lässt zwar Zwangsmaßnahmen zu. Doch ein Viertel der Bevölkerung können wir nicht mal eben einfach so wegsperren. Noch haben wir die Bilder aus China vor Augen, wo die Behörden die Türen von Häusern einfach zuschweißten, damit niemand der Isolierung entkommen konnte. Wollen wir das auch bei uns?
Besser ist es, ältere Menschen davon zu überzeugen, ihr Risiko freiwillig zu minimieren. Wir müssen ihnen helfen als Söhne und Töchter, als Nachbarn, für sie einkaufen, sie anrufen, fragen, wo Hilfe notwendig ist – immer mit der notwendigen Distanz. Wir müssen uns solidarisieren. Aber niemanden wegsperren und so die Gesellschaft spalten. Alles andere ist unmenschlich oder populistischer Aktionismus. Betroffen sind schließlich wir alle, nicht nur die Alten.
Wer glaubt, es besser zu wissen, sollte mal bei Konfuzius nachschlagen: „Dummheit ist nicht, wenig zu wissen, auch nicht, wenig wissen zu wollen. Dummheit ist: Glauben, genug zu wissen.“