Peking – Eigentlich hätte sich das Coronavirus kein besseres Land aussuchen können, um früh erkannt zu werden, als China. Denn die Volksrepublik hatte nach dem Sars-Schock in den Jahren 2002 und 2003, als 800 Menschen an der Atemwegserkrankung starben, ein vorbildliches Frühwarnsystem installiert, das bereits ab drei Fällen von Lungenkrankheiten unbekannter Ursache Alarm auslösen sollte. Zumindest in der Theorie.
In der Praxis vergingen jedoch seit der Entdeckung des ersten Covid-19-Patienten am 17. November 2019 in der Stadt Wuhan bis zur offiziellen Aufnahme des Kampfes gegen das neue Virus fast zwei Monate, in denen sich die Krankheit ungestört weiterverbreiten konnte. Grund: All jene Mediziner und Laboranten, die die lokalen Gesundheitsbehörden frühzeitig auf das neue Virus aufmerksam machten, wurden von politischer Seite mundtot gemacht, wie die „Frankfurter Allgemeine“ berichtet. Es ist ein Musterbeispiel für den Umgang von totalitären Systemen mit unangenehmen Wahrheiten.
Selbst als sich die Hiobsbotschaft nicht mehr gänzlich unterdrücken ließ, wurde verharmlost und vertuscht: Eine eigens aus Peking nach Wuhan entsandte Kommission räumte zwar ein, dass es Fälle von Lungenentzündungen in Zusammenhang mit dem „Südchina-Meeresfrüchtemarkt“ in der Elf-Millionen-Metropole gebe. Doch statt ausführlicher Untersuchungen und Tests wurde der Markt am Tag später geschlossen und alle gehandelten Tiere getötet, um Spuren zu verwischen. Und die vermeintlich beruhigende Losung ausgegeben: Eine Übertragung der Krankheit von Mensch zu Mensch sei ausgeschlossen.
Damit nicht genug: Wie die Leiterin der Notaufnahme des Zentralkrankenhauses in Wuhan, Ali Fen, gegenüber Medien berichtete, wurden Diagnosen beispielsweise von einer infizierten Krankenschwester gefälscht, erkranktes medizinisches Personal durfte die Kollegen nicht warnen, und CT-Bilder der Lunge von Medizinern wurden unter Verschluss gehalten. Wer sich an das Schweigegebot der Partei nicht hielt, musste mit einer Anklage wegen „Verbreitung von Gerüchten“ rechnen. Die Folge: Allein in Wuhan infizierten sich 3000 Mediziner.
Erst als ein Shanghaier Labor eine Gensequenz des Coronavirus an eine internationale Datenbank schickte und die Republik Taiwan Passagiere aus Wuhan bereits am Flughafen testete und im Verdachtsfall nicht mehr ins Land ließ, schaltete Peking um, da sich die Wahrheit nicht länger unterdrücken ließ. Die 180-Grad-Wende wurde dann allerdings mit aller Eile und Härte vollzogen: Die Millionenstadt wurde komplett von der Außenwelt abgeriegelt, Ausgangssperre für die Bürger verhängt und Infizierte in Zwangsisolierung gesteckt. Nach zwei Monaten werden die Zwangsmaßnahmen in Wuhan jetzt langsam gelockert.
Ob die Epidemie in China damit wirklich gestoppt ist, darf jedoch bezweifelt werden. Auf dem Papier zumindest ist sie es. Peking greift nämlich zum Statistik-Kniff: positiv Getestete ohne Krankheitssymptome werden darin nicht länger als Infizierte gezählt. mm