New York – Der „Big Apple“ gleicht derzeit einer Geisterstadt. Auf dem Times Square, einem der beliebtesten Touristen-Treffpunkte New Yorks, fand sich am Montagabend lediglich eine Handvoll Polizisten. Restaurants sind nur noch für Mitnahme-Bestellungen geöffnet. Der „Shutdown“ hält die Millionen-Metropole ebenso im Griff wie die Furcht der Politiker und Bürger vor einer Ausweitung der Pandemie.
Im Javits-Kongresszentrum im Herzen Manhattans wird aus Lastwagen Material für eines der vier geplanten Not-Krankenhäuser New Yorks ausgeladen. Vor den Teststationen der Hospitäler stehen tausende Bürger stundenlang und trotz oft schwerer Krankheitssymptome an, um zu erfahren, ob sie infiziert sind. Die Befürchtung von Bürgermeister Bill de Blasio, die so dicht besiedelte Stadt werde zum „Epizentrum“ für das Virus in den USA werden, hat sich längst bewahrheitet. Die Kurve der Erkrankungen zeigt weiter steil nach oben und machte im Bundesstaat New York gestern rund die Hälfte der knapp 50 000 Infektionen im Land aus.
Auf diese brutale Realität treffen nun die Überlegungen von US-Präsident Donald Trump, viele staatlich verordnete Beschränkungen für Unternehmen und Bürger nach dem Ablauf der anfänglichen 15-Tage-Frist am kommenden Montag bereits wieder aufzuheben. Denn den Unternehmer Trump und manche konservative Unterstützer plagt die Frage: Sind wir im Kampf gegen das Virus zu weit gegangen? Bereits für das zweite Quartal dieses Jahres erwartet die Investmentbank Morgan Stanley einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 30 Prozent. Finanzminister Steven Mnuchin geht von einem Anstieg der Arbeitslosenquote von derzeit unter vier Prozent auf 13 Prozent aus. Solche kurzfristigen Folgen haben die USA in den letzten 100 Jahren noch nicht gesehen. Und es sind Konsequenzen, die – das scheint Trump zu fürchten – massiv seine Chancen beschädigen könnten, sich im November für eine zweite Amtszeit wählen zu lassen.
Doch mit seinen Überlegungen befindet sich der Präsident auf Kollisionskurs zu medizinischen Experten im Land, die immer wieder darauf verweisen, wie wichtig es ist, im Verdachtsfall und bei Erkrankungen zu Hause zu bleiben und ansonsten konsequent Distanz zu Mitmenschen zu halten. Eine Position, die der Präsident belächelt. „Wenn es nach den Ärzten ginge, würden sie doch die ganze Welt zum Stillstand bringen“, sagt er. Und: „Unser Land ist nicht für einen Shutdown gebaut worden. Amerika wird bald wieder für das Business geöffnet sein.“ Am liebsten noch vor Ostern, sagte Trump gestern. Die Heilung, so einer der Kernsätze des Präsidenten, dürfe nicht schlimmer als die Krankheit selbst sein.
In der Tat sind die Folgen der Beschränkungen massiv. Rund 100 Millionen US-Bürger gehen derzeit nicht mehr zur Arbeit. Hotels, Restaurants und andere Gewerbetreibende kämpfen um die Existenz. Flugzeuge fliegen nahezu leer, und die großen Airlines rufen seit Tagen nach mindestens 50 Milliarden Dollar Hilfen. In Einkaufszentren herrscht der Totentanz, und an der Wall Street sind die Börsenkurse um rund 35 Prozent gefallen. Alle Gewinne, die seit dem Einzug Trumps ins Weiße Haus gemacht wurden, sind damit ausradiert worden.
Kein Wunder also, dass der Instinkt Trumps dahin geht, nun auf allen Ebenen gegensteuern zu wollen. Doch allein schon die Aussagen der Welt-Gesundheitsorganisation stellen diese Absicht in Frage. Die Pandemie würde sich weltweit beschleunigen, heißt es. Um die ersten 100 000 berichteten Fälle zu erreichen, habe es 67 Tage gebraucht. Für die zweiten 100 000 Infizierten waren es nur elf Tage, und dann nur vier Tage für die dritten 100 000 Kranken.
Dr. Anthony Fauci, der kritische Leiter der Pandemie-Kommission des Präsidenten, hat ebenfalls kürzlich gewarnt: Das Schlimmste steht noch bevor.