München – Mathematik, hat Sebastian Kurz am Dienstag sinngemäß gesagt, ist mehr als bloß das Addieren von zwei Zahlen. Konkret warnt der österreichische Bundeskanzler davor, den täglichen Anstieg der Corona-Infizierten in seinem Land falsch zu lesen. Es geht nicht um punktuelle Werte, sprich: den Anstieg an einem konkreten Tag. Es geht um das Verhältnis zwischen getesteten und infizierten Personen, aber auch um den Verlauf einer Kurve über Wochen.
Am Anfang der Krise wurden so wenige Österreicher getestet, dass es kaum positive Befunde gab. Das ist jetzt anders. Vergangenen Sonntag waren 600 von 2000 Ergebnissen positiv, und die Zahl der Tests soll weiter deutlich erhöht werden. Das wird sich auf die Fallzahlen auswirken, die aktuell bei 5560 Infizierten und 32 Todesopfern liegen.
Dennoch hat sich der Kanzler ein Ziel gesetzt, das anspruchsvoll ist, aber, wie er glaubt, nicht unrealistisch. In absehbarer Zeit sollen die strengen öffentlichen Maßnahmen so weit greifen, dass die Zahlen sich nur noch alle 14 Tage verdoppeln. Neupatienten und frisch Genesene würden sich in diesem Modell ungefähr die Waage halten, die Belastung für das Gesundheitssystem bliebe erträglich. Noch ist Österreich längst nicht am Limit. Es sind so viele Beatmungsplätze frei, dass man dem schwer leidenden Nachbarn Italien Patienten abnehmen kann.
Am Freitag will die Wiener Regierung bekannt geben, was die bisherigen Einschnitte ins soziale Leben – die Schließung von Schulen, Universitäten, Gastronomie, Geschäften und Grenzen sowie Ausgangsbeschränkungen – gebracht haben. Und wie es weitergehen wird. Seit zehn Tagen entwirft eine Task Force dafür Szenarien. Die Ideen reichen von flächendeckenden Tests über den Einsatz personenbezogener Daten bis zum Tragen von Schutzmasken im Alltag. Vieles, was bisher undenkbar erschien, ist inzwischen eine Option.
Die Erwartung im Land nach nunmehr zehn Tagen ist, dass der Verzicht sich in konkreten Fortschritten bemerkbar macht. Diesem Optimismus versucht Kurz, mit freundlicher Entschiedenheit zu widersprechen: „Bitte haben Sie nicht die Hoffnung, dass wir am Freitag schon all unsere Ziele erreicht haben.“ Er könne vielmehr „garantieren, dass die Zahlen nicht so gut sind, dass wir die Maßnahmen zurücknehmen“.
Sie dürften aber, und das ist eine tröstliche Nachricht, Regierung und Bürger zumindest darin bestätigen, dass die Entbehrungen der jüngsten Zeit Sinn gemacht haben und erste Früchte tragen. In einzelnen Bundesländern, berichtet Gesundheitsminister Rudi Anschober, sei ihr täglicher Anstieg nur noch im einstelligen Prozentbereich. In einigen anderen sei er ebenfalls moderat und liege zwischen zwölf und 13. Dass er landesweit noch rund 24 Prozent beträgt, liegt vor allem an den hohen Tiroler Werten. Aber gegenüber den 35 bis 40 vor wenigen Wochen ist auch das ein Fortschritt.
In Deutschland wird man am Freitag sehr gespannt nach Wien schauen. Die Zahlen werden auch dem Nachbarn einen Aufschluss geben, ob es sich auszahlt, das soziale Leben auf nahe Null zu reduzieren. Und einige Politiker könnten sich beim Blick in den Süden auch abschauen, wie man unschöne Wahrheiten den Menschen am besten vermittelt. Die Klarheit des Kanzlers ist durchaus stilbildend. Kurz ahnt: Auch nach Ostern, wenn die ersten Fesseln gelockert werden, wird „das Leben dem heutigen mehr ähneln als dem normalen“. MARC BEYER