Das Rätsel der hohen Sterblichkeit

von Redaktion

Werden Corona-Tote in Italien und Deutschland unterschiedlich gezählt? Die verwirrenden Sterblichkeits-Quoten legen nahe, dass die Gefährlichkeit des Virus von zahlreichen Faktoren abhängt.

VON JULIUS MÜLLER-MEININGEN

Rom/Madrid – Gewissheiten sind in der Corona-Krise ein seltenes Gut geworden. Das gilt auch für die unterschiedlichen Sterblichkeitsraten der Corona-Pandemie. In Ländern wie Italien und Spanien soll die Mortalität infolge einer Covid-19-Infektion wesentlich höher sein als etwa in Deutschland oder Österreich. Italien hat gestern Abend 8165 Tote gemeldet, 662 mehr als am Vortag. In keinem Land gibt es mehr Opfer. In Spanien stieg die Zahl der Toten ebenfalls stark an, hier gab es 4145 Menschen, die an Covid-19 starben.

Doch warum hat das Virus an manchen Orten fatalere Wirkung? In Deutschland sind nach offiziellen Angaben bislang 239 Menschen an Covid-19 gestorben. In absoluten Zahlen ist der Unterschied zu den südeuropäischen Nachbarn enorm. Setzt man die Opfer ins Verhältnis zur Zahl der Infizierten, ergeben sich auch hier klare Unterschiede. In Italien mit 80 539 Angesteckten liegt die Sterblichkeitsquote derzeit bei zehn Prozent, in Spanien liegt sie bei gut sieben, während sie in Deutschland bei 0,6 Prozent verharrt.

Die gängigste Erklärung liegt in der Zahl der Corona-Tests. So gibt es nach Angaben des Virologen Christian Drosten in Deutschland eher viele Tests, er schätzt das auf 500 000 wöchentlich. In Spanien soll der Wert mit 30 000 nur einen Bruchteil davon betragen. Je mehr Abstriche gemacht und je mehr Menschen positiv getestet werden, desto stärker reduziert sich die Sterblichkeitsquote im Vergleich zur Zahl der Infizierten. Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza entschied schon Ende Februar, dass nur Abstriche bei Menschen mit Covid-19-Symptomen gemacht werden sollen und nicht mehr bei Personen ohne Beschwerden. Dasselbe geschieht in Spanien. Die Fachleute nehmen an, dass die Dunkelziffer der Infizierten in diesen Ländern wesentlich höher ist. Angelo Borrelli, Chef des italienischen Zivilschutzes, sagt: „Jeder erfassten Ansteckung entsprechen zehn nicht erfasste Infektionen.“

So erklärt sich der Unterschied bei den Quoten. Doch die Unterschiede bei den absoluten Opfer-Zahlen bleiben unklar. Denkbar ist, dass das Virus sich in Deutschland noch nicht so stark ausgebreitet hat, möglicherweise waren Behörden und Mediziner angesichts der Lage in Italien früh gewarnt.

Seit Wochen behaupten italienische Wissenschaftler zudem, die Differenzen lägen auch an der unterschiedlichen Zählweise je nach Land. Covid-19-Opfer würden in Italien „unabhängig von anderen den Tod verursachenden Erkrankungen“ als solche registriert, schreiben die italienischen Mediziner Graziano Onder, Giovanni Rezza und Silvio Brusaferro in der Zeitschrift „Jama“. Sie fanden heraus, dass Corona-Tote in Italien in den meisten Fällen an zwei bis drei weiteren schweren Pathologien litten. Diese Fälle gehen in die italienische Corona-Statistik ein. In Italien ist deshalb seit Längerem davon die Rede, manche Länder erfassten nur die Toten, die „wegen“ des Coronavirus verstorben seien. Die These ist insofern interessant, da in Italien nur 0,8 Prozent der Corona-Opfer keine schwere Vorerkrankung aufwiesen.

Hingewiesen wird außerdem auf die Vielzahl von Personen in hohem Alter in Italien und Spanien, das ausgeprägte Sozial- und das generationenübergreifende Zusammenleben der Südländer, die Auswirkung von Luftverschmutzung und der raschen Ansteckung in Ballungsräumen wie in der Lombardei oder in Madrid und auf Mängel im Gesundheitssystem.

Deutschland testet aktuell viel mehr

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