Die Suche nach der Exit-Strategie

von Redaktion

Noch hat die Corona-Krise Deutschland nicht mit voller Wucht erreicht, da wird schon debattiert, wann der Alltag wieder starten kann. Das Gesundheitswesen äußert sich vorsichtig, der Mittelstand offensiv. Für Senioren und Kranke könnten die Einschränkungen noch lange anhalten.

VON MARC BEYER

München – Im Laufe der Wochen hat sich Jens Spahn eine gewisse Routine im Umgang mit dem Ausnahmethema Corona angeeignet. Der Bundesgesundheitsminister wirkt kontrolliert und doch entspannt, aber auch entspannt formulierte Sätze können beunruhigend klingen. Am Donnerstag sitzt er wieder vor der Presse und schickt in wohlgesetzten Worten eine alarmierende Botschaft an die Nation: „Noch ist das die Ruhe vor dem Sturm.“

Dass die schlimmsten Auswüchse dem Land erst noch bevorstehen, ist unstrittig, nicht nur unter Experten. Aber auch Mediziner und Gesundheitsminister stellen sich die Frage, wie das Leben aussehen wird, wenn die heftigsten Böen abgeflaut sind. Während die umfassenden Beschränkungen erst wenige Tage in Kraft sind, müssen die Verantwortlichen abwägen, wann und in welchem Ausmaß sie wieder gelockert werden können. Und welche Folgen das hätte. Denn der Corona-Sturm kann jederzeit wieder Fahrt aufnehmen.

Die Exit-Strategie ist eine Frage der Perspektive. Als oberster Vertreter des Gesundheitswesens denkt Spahn zwangsläufig defensiv. „Möglicherweise“ könne man nach Ostern, wenn die Menschen Distanz gewahrt und dem Virus die Ausbreitung erschwert haben, „über Veränderungen reden“. Einschränkung: „Wenn wir gemeinsam durchhalten.“

Wie diese Veränderungen aussehen könnten, ist noch offen. Ein Muster zeichnet sich aber ab: Als erste Bevölkerungsgruppe dürften jüngere, gesunde Menschen ihre sozialen und beruflichen Aktivitäten wieder aufnehmen. Kanzleramtsminister Helge Braun deutete das bereits an. In zwei Wochen werde man absehen können, wie viel Freiheit möglich ist.

Wer nicht mehr jung ist und gesundheitlich vorbelastet, für den dürfte die Zeit der Einschränkungen dagegen noch lange anhalten. Clemens Wendtner, Chefarzt für Infektiologie an der München Klinik Schwabing, sagte im ZDF, dass man etwa Tumorpatienten „nicht einfach nach Hause schicken“ könne: „Sondern dass wir sie in besonderen Einrichtungen unterbringen, wo sie unter Aufsicht sind.“ Als Beispiel nennt Wendtner, der die Staatsregierung berät, Rehakliniken. Für andere Gruppen – Senioren oder Patienten mit weniger akuten Erkrankungen – gibt es die Überlegung, zum Beispiel Hotels anzumieten. „Damit wir nicht in ein neues Problem reinrennen, wenn wir die Leinen lockern.“

Noch ist es nicht so, dass die Bürger unruhig werden. Laut einer Umfrage des Instituts YouGov halten 88 Prozent der Deutschen die Maßnahmen für richtig und angemessen, ein Drittel würde sich sogar noch tiefere Einschnitte wünschen. Doch das muss nicht so bleiben.

Schon jetzt kommt erste Ungeduld auf. Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, fordert, die Politik müsse zeitnah eine Strategie entwerfen, um die Geschäfte wieder aufzunehmen. Man rede hier „von wenigen Wochen, nicht von Monaten“. Auch der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, mahnte zur Eile. Langfristig, sagte er der Funke Mediengruppe, „können wir nicht das ganze Land lahmlegen“.

Wer will, kann aus diesen Worten die Befürchtung heraushören, die Politik habe am Anfang nicht bis zum Ende gedacht. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger widerspricht diesem Eindruck vehement. „Den Ausstieg haben wir schon beim Einstieg ins Auge gefasst“, betont er im Bayerischen Rundfunk. Seine Freien Wähler haben im Landtag schon eine Arbeitsgemeinschaft „Exitstrategie Coronavirus“ gegründet. Richtschnur soll die Arbeitsfähigkeit des Gesundheitssystems sein. Noch ist offen, wann genau die Maßnahmen gelockert werden können, doch zumindest eine vage Vorstellung hat Aiwanger bereits: „Irgendwann ab Mitte April müssen wir die Kurve gekratzt haben.“ Vorausgesetzt, Corona schickt keine neuen Böen übers Land.

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