München/Rom – Die Italiener sind in der Corona-Krise tief enttäuscht von der EU – und insbesondere von Deutschland. Populisten wie Lega-Chef Matteo Salvini heizen diese Stimmung an. Aber noch viel wirkmächtiger ist ein in den sozialen Medien kursierender Brief, der angeblich von einem Mädchen stammen soll, das die mangelnde Hilfe Deutschlands in der Corona-Krise beklagt, und der mit den ironisch gemeinten Worten beginnt: „Danke, Frau Merkel!“
Die Enttäuschung der Italiener nahm ihren Anfang, als Deutschland einen Exportstopp für medizinisches Material verhängte. Der wurde zwar am 12. März aufgehoben und wird in Zeiten nationaler Notlagen routinemäßig verhängt, doch bei vielen Italienern hat sich das tief eingebrannt. „Es zeigt, dass in einer Krise jedes Land zuerst an sich selbst denkt“, so Sven Biscop vom EU-Thinktank „Royal Institute for International Relations Egmont“ zur fatalen Wirkung des Exportstopps.
Zwar unternimmt Deutschland inzwischen viel, um Italien Hilfe zu leisten: So landeten am vergangenen Mittwoch und Donnerstag in Rom und Mailand zwei Frachtflugzeuge der italienischen Luftwaffe mit rund sieben Tonnen medizinischen Gerätes aus Deutschland, darunter die in Norditalien dringend benötigten Beatmungsgeräte. Doch das wurde in Italiens Medien kaum registriert – anders als die mit viel Medien- und Online-Getöse gefeierte Hilfestellung von China, Russland, Kuba und Vietnam. China hatte schon vor den Europäern 300 Ärzte und tonnenweise medizinisches Material nach Italien geschickt. Und Russlands Präsident Wladimir Putin ließ am vergangenen Sonntag vor laufenden Kameras Lastwagen in große Frachtflugzeuge verladen. Die Lkw, mit denen Straßen desinfiziert werden sollen, waren mit italienischen und russischen Flaggen in Herzform beklebt. Dazu die Aufschrift – frei nach einem James-Bond-Film: „From Russia with love“, also: Aus Russland mit Liebe.
Deutschland bemüht sich zwar, die Herzen zurückzuerobern: So nahm Sachsen italienische Covid-19-Patienten auf, Bayern kündigte ähnliche Aktionen an. Doch all das verpufft angesichts der neu entflammten Diskussion um Euro-Bonds: Regierungschef Giuseppe Conte nennt die seit Jahrzehnten von Deutschland abgelehnte Vergemeinschaftung von Schulden nun „Corona-Bonds“. Aus Berlin kam von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) umgehend das erwartete Nein. KLAUS RIMPEL
SPENDENAKTION
Der frühere Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn und seine Frau Gerlinde starten einen Spendenaufruf. „Italien ist von der Pandemie in einer erschütternden Weise betroffen. Die Fernsehbilder könnten schrecklicher nicht sein“, sagten beide. „Ein sichtbares Zeichen der Solidarität ist jetzt erforderlich, auch wenn uns selbst noch einiges bevorsteht.“
Eine Option dabei: die Zentrale des italienischen Roten Kreuzes: IBAN: IT93 H020 0803 2840 0010 5889 169 BIC: UNICRITM12RNP.
Das Ehepaar Sinn schlägt zudem das Croce Rossa Italiana von Modena vor. IBAN: IT31 Y050 3412 9000 0000 0117 651