Hamburg ist mit weit über 1300 Infizierten stark von der Corona-Krise betroffen. „Wir stellen uns auf einen Katastrophenfall ein“, sagt Privatdozent Dr. Gerian Grönefeld, Chefarzt in der Asklepios Klinik Barmbeck, einem größeren Stadtteilkrankenhaus. Im Interview warnt der Experte der Deutschen Herzstiftung vor verfrühten Exit-Strategien und lobt das konsequente Handeln von Ministerpräsident Markus Söder.
Wie bewerten Sie die Forderungen, die Ausgangsbeschränkungen bald wieder zu lockern und die Wirtschaft hochzufahren?
Das wäre hochsträflich. Es ist noch viel zu früh, über solche Exitstrategien nachzudenken. Schließlich befinden wir uns immer noch in der Phase, in der die Fallzahlen steil ansteigen. Der Gipfel der Durchseuchung ist noch längst nicht erreicht. Wir Mediziner fühlen uns, als stünden wir am Vesuv und warten auf den Vulkanausbruch. Wir wissen nicht, wann genau er kommen wird. Aber eins ist klar: Er wird kommen – vielleicht schon in den nächsten Tagen, vielleicht auch erst in einigen Wochen. Deshalb ist es weiterhin alternativlos, soziale Kontakte auf ein Minimum herunterzufahren.
Wann halten Sie eine Rückkehr zum normalen Leben für denkbar?
Wir können frühestens nach Ostern bewerten, ob die getroffenen Maßnahmen Wirkung gezeigt haben und ob es vertretbar wäre, einzelne Beschränkungen schrittweise wieder zu lockern.
Für sein Vorpreschen bei den Ausgangsbeschränkungen ist Söder scharf kritisiert worden. Wie bewerten Sie sein Handeln?
Er hat damit einen klugen Schritt getan. Allein schon wegen der geografischen Nähe Bayerns zu Italien hatte er praktisch gar keine andere Wahl. Zumal man vor Herrn Söders Entscheidung unter anderem in München gesehen hat, wie extrem die Unvernunft mancher Menschen ist, beispielsweise bei Corona-Partys oder bei Massenfeiern im Englischen Garten. Auch bei uns in Hamburg gab es solche Exzesse: Manche Shisha-Bars haben beispielsweise ihre Fensterscheiben mit Decken abgehängt und im Inneren kreisten die Wasserpfeifen – mit einem enormen Ansteckungsrisiko. Dazu kam das Problem, dass sich viele Menschen in den Skigebieten angesteckt haben.
Auch in Hamburg?
Bei uns in Hamburg gibt es eine Fülle von Menschen, die infiziert aus den Skiferien in Österreich und Südtirol zurückgekommen sind. Ich kann mir vorstellen, wie viele Bayern sich in den Faschingsferien dort angesteckt haben. Deshalb war die Entscheidung, die Handbremse zu ziehen, alternativlos – auch wenn eine Einschränkung der Freiheitsrechte immer ein sensibles Thema ist und regelmäßig neu bewertet werden sollte.
Unterschätzen die Menschen Covid-19 noch – insbesondere jüngere?
Das Durchschnittsalter der Infizierten liegt bei 47 Jahren. Fakt ist: Dieses Virus kann auch jüngere Menschen massiv gefährden. Nehmen Sie nur den früheren Bayern-Torwart Pepe Reina, der an Covid-19 erkrankt ist. Ein Mann wie ein Baum, und er berichtet, er fühle sich, als hätte ihn ein Zug überfahren. Das Virus macht zwar nur einem vergleichsweise geringen Anteil der Infizierten schwer zu schaffen. Aber je mehr Infizierte wir haben, desto größer wird auch die Zahl jener Menschen, die auf der Intensivstation um ihr Leben kämpfen. Dieses Virus kann in manchen Fällen eine extreme Aggressivität entwickeln. Auch jüngere Menschen können an Covid-19 sterben.
Interview: Andreas Beez