Afghanistan: Furcht vor 100 000 Corona-Toten

von Redaktion

Kabul – Die Corona-Pandemie hat die Welt im Griff. Tausende starben bereits. Die Gesundheitssysteme vieler Staaten stehen unter enormem Druck. Und in den Kriegsgebieten der Welt bahnt sich eine weitere Katastrophe an. Zum Beispiel in Afghanistan.

„Wenn sich das Virus ausbreitet, können wir nichts mehr tun. Wir sind nicht einmal in der Lage, 100 Betten für Corona-Patienten in einem Notfall zur Verfügung zu stellen“, sagt Mohammad Dschawad Mersaie, ein Arzt aus der umkämpften westlichen Provinz Farah. Es fehle an fast allem: Nur fünf Infrarot-Fieberthermometer habe man im Krankenhaus der Provinzhauptstadt. Die militant-islamistischen Taliban ließen die Ärzte aber ihre Arbeit machen, sagt der Arzt.

Seit fast vier Jahrzehnten kommt das Land am Hindukusch nicht zur Ruhe. Krisen und Kriege haben das Gesundheitssystem in die Knie gezwungen. Trotz internationaler Hilfe in Milliardenhöhe haben viele nur selten Zugang zu ausreichender medizinischer Versorgung. Es mangelt an Ausrüstung und Personal. Der Weg ins Krankenhaus ist oft weit und gefährlich.

Sorgen bereitet auch der Grenzverkehr zum besonders schwer von der Krise betroffenen Nachbarland Iran. Fast 200 000 Afghanen kehrten nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration aus dem Land zurück – nur wenige Hundert wurden auf das Coronavirus getestet. Ebenso fliehen jährlich Hunderttausende wegen der Kämpfe und Gefechte aus ihren Dörfern und Städten. Auf engstem Raum leben sie oft in Flüchtlingslagern zusammen.

Das Gesundheitsministerium fürchtet ein düsteres Szenario für das kriegszerrissene Land. Weit mehr als 100 000 Menschen könnten an den Folgen des Coronavirus sterben, sagte Ministeriumssprecher Wahidullah Mayar. Im schlimmsten Fall geht die Regierung davon aus, dass 80 Prozent der Bevölkerung an Covid-19 erkranken. Durch die Epidemie werde sich die Ernährungslage noch einmal verschärfen, warnt die Welthungerhilfe. „Es ist eine sehr, sehr schwierige Zeit.“

Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, kommt immer wieder die Gewalt durch Extremisten hinzu. So hatte am Mittwoch ein Angreifer in der Hauptstadt Kabul einen Tempel der Sikh-Religion gestürmt und dabei mindestens 25 Menschen getötet. Dabei hatten die USA und die Taliban Ende Februar ein Abkommen unterzeichnet, das unter anderem einen schrittweisen Abzug der US-Truppen aus Afghanistan vorsieht. Zugleich sollte es den Weg für innerafghanische Friedensgespräche ebnen. Doch auch diese Hoffnung scheint trügerisch. Während die Regierung in Kabul ihre Unterhändler für die Gespräche benannt hat, reagieren die Taliban nicht. Für sie ist die Regierung nur eine Marionette des Westens. ARNE BÄNSCH

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