Ottobrunn – Wer kürzlich ein neues Hüft- oder Kniegelenk bekommen hat, steht jetzt vor einem Problem: Bei vielen Patienten war die Anschlussheilbehandlung in einer Rehaklinik fest eingeplant. Doch im Kampf gegen die Corona-Krise entlassen viele Einrichtungen ihre Patienten früher oder nehmen neue erst gar nicht mehr auf.
Seit wenigen Tagen gilt in Bayern zudem: Zur ambulanten Physiotherapie sollen Patienten nur noch, wenn es dringend nötig ist. Doch wohin gehen, wenn viele Praxen dichtmachen? „Wir bekommen hier ein absolutes Problem: Physiotherapie verhindert, dass Patienten eine unbewegliche Hüfte bekommen oder ein steifes Knie“, warnt Dr. Bernhard Papenfuß, der selbst ein ambulantes, orthopädisches Rehazentrum in Ottobrunn leitet. Auch dort ist man im Krisenmodus. Behandelt werden praktisch nur noch Patienten nach Unfällen und Frischoperierte. Doch auch das wird immer schwieriger. Denn so wie in vielen Praxen gehen auch in dem Rehazentrum Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel zur Neige. „Ich habe mir die Finger wund telefoniert“, erzählt Papenfuß. Als er vergangene Woche im Radio hört, dass nun doch erneut Masken ins Ausland gehen sollen, ist er geschockt. Denn: Viele seiner Mitarbeiter haben Angst, sich bei der Arbeit selbst mit dem neuen Coronavirus zu infizieren. Wie in so vielen Betrieben werde man in dem Zentrum Kurzarbeit anmelden müssen – ausgerechnet medizinische Fachkräfte, „topmotiviert“, fürchten in der Krise um ihren Arbeitsplatz.
Vor ein paar Tagen wäre es Papenfuß fast gelungen, noch ein paar Masken aufzutreiben. Von einem Unternehmen, das wie so viele in der Krise kurzfristig seine Produktion auf Schutzmasken umgestellt hat – offenbar aber eines, das daraus „Kapital schlagen“ wollte: Zwei Euro und fünfzig Cent sollte eine einzige einfache OP-Maske kosten, bei einer anderen Firma sogar vier Euro vierzig – zu viel für ein Rehazentrum im Krisenmodus. Früher bekam Papenfuß für rund drei Euro eine 50er-Packung.
Der Mediziner fühlt sich und seine Patienten im Stich gelassen. Dabei hatte er sich gefreut, als von politischer Seite „unbürokratische“ Lösungen angekündigt worden waren. Im klinischen Bereich laufe das auch gut, wie Papenfuß von Kollegen erfahren habe – er sei gut vernetzt. Doch auch der ambulante Sektor sei auf unbürokratischen Lösungen angewiesen. Der werde aber gerade vernachlässigt. „Die anderen Patienten sind doch nicht einfach weg“, sagt er.
Besonders ärgert sich Papenfuß aber über Kostenträger wie Krankenkassen und Rentenversicherungen. „Die haben sich lang einfach weggeduckt“, sagt er. Etwa bei der Frage, wie man mit Patienten umgehen soll, die ihre Reha abgebrochen haben. Für einige von ihnen soll es jetzt einen Kurzantrag auf Wiederaufnahme geben, erfuhr Papenfuß immerhin von der Deutschen Rentenversicherung. Ein kleiner Schritt auf dem Weg hin zu mehr unbürokratischen Lösungen. Wie es jetzt weitergeht? Kann auch Papenfuß nicht sagen. Da planbare OPs bis auf Weiteres verschoben sind, wird es in dem Rehazentrum bald noch ruhiger werden. Aber wer weiß, vielleicht ließe sich die Praxis dann anders nutzen? Papenfuß hat viele Ideen, will auf jeden Fall seinen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten. Er könnte sich vorstellen, wieder als niedergelassener Arzt zu arbeiten – schließlich müsse auch die Versorgung von Nicht-Corona-Patienten aufrechterhalten bleiben. In dem Rehazentrum gebe es viele Einzelkabinen. „Ich hatte früher eine Zulassung“, sagt er. „Vielleicht könnte man die unbürokratisch wieder aufleben lassen?“ Am Dienstag erreichte ihn auch eine Anfrage des Landratsamtes – es geht gerade Schlag auf Schlag –, ob er nicht im Notkrankenhaus in Ebersberg mitarbeiten wolle, wurde er gefragt. Papenfuß, früher auch als Notfallmediziner im Einsatz, wäre für vieles offen. ANDREA EPPNER